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Jenseits von Grenzen und Zeit entfaltet sich unser Erbe. Entfessle die Kraft, erobere das Spiel der Imagination. Begleite uns auf der Suche nach einer anderen Frequenz von Wirklichkeit – einer Welt, in der Kreativität keine Grenzen kennt.


Zeitzeichen in der populären Musik 2 – The Weeknd „Take my Breath“ – Deadly breathtaking fascination

Eine kulturhistorische Analyse von The Weeknds ‚Take My Breath‘: Atemlosigkeit, Risikoästhetik und die düstere Verführungskraft des Kontrollverlusts – ein Zeitzeichen jenseits der Pandemie.

Dieser Beitrag erschien während der Corona-Pandemie und er trägt noch die Atemspannung der Pandemie in sich. Die Mischung aus Isolation, Risiko, Atemlosigkeit, körperlicher Nähe und Gefahr war damals ein kollektiver Resonanzraum. Der Song und das Musikvideo „Take My Breath“ wirkten in dieser Zeit wie ein ästhetischer Spiegel: ein Video, das mit Dunkelheit, Erstickung, Ekstase und Grenzüberschreitung spielt – und damit ungewollt, aber wirkungsvoll, in die damalige Atmosphäre hineinsprach. Zumindest war und ist dies immer noch mein Eindruck.

„Take My Breath“ erschien in einer Phase, in der die Welt zwischen Atemholen und Atemanhalten schwankte. Rückblickend wirkt das Musikvideo wie ein ästhetisches Kondensat jener Jahre: ein Spiel mit Risiko, Nähe und der Lust an der Grenzüberschreitung. Doch auch jenseits der damaligen Pandemieatmosphäre bleibt die Bildsprache des Videos bemerkenswert.

The Weeknd inszeniert eine düstere, fast klinisch-kalte Welt, in der Ekstase und Selbstgefährdung ineinander übergehen. Die Atemlosigkeit ist hier nicht nur ein körperliches Motiv, sondern ein Symbol für die Verführungskraft des Kontrollverlusts. Das Video arbeitet mit einer Ästhetik des Überdrucks: Stroboskoplicht, metallische Räume, technoide Körperlichkeit – eine Choreografie der Gefahr, die sich selbst begehrt.

Heute, mit etwas Abstand, lässt sich die visuelle Erzählung klarer lesen: weniger als Spiegel einer Zeit, sondern als Kommentar zu einer Kultur, die das Spiel mit dem Risiko ästhetisiert. „Take My Breath“ bleibt ein Zeitzeichen – nicht wegen der Pandemie, sondern wegen seiner präzisen Darstellung einer Generation, die zwischen Selbstoptimierung, Überreizung und dem Hunger nach Intensität oszilliert.

Song und Musikvideo waren im August 2021 erst eine Woche on Air und online: Bei YouTube bereits fast 22 Mill. Aufrufe. Mit „Take My Breath“ hat The Weeknd (Abel Makkonen Tesfaye) seinen vierten internationalen Hit in Folge. Und wie schon in den vorausgegangenen Songs geht es um die destruktiven Momente zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Song erscheint in Vorbereitung eines neuen CD-Albums und orientiert sich musikalisch an einer Neuinterpretation des 80er Jahre Synthie-Pop, eine Spezialität von The Weeknd, für die er in Fachkreisen schon mehrfach ausgiebig gelobt wurde.

Der hämmernde Synthie-Discosound täuscht darüber hinweg, dass in diesem Songtext ein brisantes Thema angesprochen wird. Liebe, Lust, Gefahr und Tod können unmittelbar nebeneinanderstehen. Es gibt Männer und Frauen, die es mögen beim Sex erstickt zu werden oder die ihren Partner würgen möchten. Offenbar gibt es einen speziellen Lustgewinn, wenn Paare sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen. Der Song ist die Beschreibung einer kulturellen Praxis, aber auch Kritik und eine Aufforderung zu mehr Aufmerksamkeit.

In einem übertragenen Sinn geht es auch um eine kommerzialisierte Lebenskultur mit „breathtaking fascination“, die ein unbeschreibliches Lebensfeuer verspricht, letztendlich aber dem Tod huldigt!

In der Geschichte des Songs, bittet eine Frau den Mann bis zum äußersten zu gehen: „Raub mir meinen Atem und lass es für immer sein, Baby tu es jetzt oder nie, Baby (Ah) Raub mir meinen Atem. Niemand macht es besser, Baby, bring mich in die Nähe des Himmels“. Aber der Mann zieht sich, trotz aller Faszination und anfänglicher Zustimmung, zurück: „Ich weiß, dass diese Verführung der verkleidete Teufel ist. Du bist viel zu jung, um dein Leben zu beenden (Heh) Mädchen, ich will nicht derjenige sein, der den Preis bezahlt!“

Zuletzt ist nicht die Frau das Opfer, sondern der Mann. Er verliert sich im Strudel der Gefühle. Eine sehr pessimistische Sicht: Offenbar gibt es kein Entrinnen mehr aus dieser Situation. Mann und Frau sind gefangen in ihren Gefühlen einer allgegenwärtigen Ekstase.

Eine wahre zwischenmenschliche Beziehung wird ersetzt durch ein objekthaftes Gegenübertreten von zwei gegenseitig unbekannten Menschen, die sich wechselseitig für eine momentane Bedürfnisbefriedigung benutzen, auf den Moment hin ausgerichtet ohne eine Perspektive, wie immer eine zukünftige Möglichkeit auch aussehen mag. Gesucht wird eine existentielle Erfahrung, im Augenblick, in Dunkelheit, bei Aussparung jeder Alltagsrealität.

Passen hier Musik, Song und Video zusammen? Unbedingt! Die pulsierende Musik, ihre Tanzintensität wirkt schwindelerregend, zieht hinein in eine rauschhafte Atmosphäre. Die Szenerie unterstützt diese Wirkung: Das flackernde Licht, eine – in der Dunkelheit – nur schemenhaft erkennbare Location, einem Bunker gleich. Ein Raum unter der Erde, mit wenig Sauerstoff zum Atmen: Das ist das psycho-physische Erlebnis. Das Disco-Publikum muss deshalb immer wieder zu Sauerstoffmasken greifen. Die Kleidung der Protagonisten – schwarzes Leder – betont die sexuelle Komponente.

Nicht zufällig beginnt das Video mit einem Sonnenuntergang. Vertigo bis zur Bewusstlosigkeit: Der Mann bricht zum Schluss des Videos zusammen und lieg am Boden. Die Musik geht vom stereophonem Klangteppich unmittelbar in ein monotones, dumpfes Hämmern über. Kälte breitet sich aus!

Schlusssequenz

Vielleicht liegt die eigentliche Faszination von Take My Breath darin, dass das Video eine Erfahrung inszeniert, die wir alle kennen: den Moment, in dem Intensität und Risiko ununterscheidbar werden. Es zeigt eine Welt, die sich nach dem Kick sehnt, nach dem kurzen Aufleuchten des Außeralltäglichen – und zugleich die Gefahr nicht scheut, die darin wohnt.

Heute, mit dem Abstand der Jahre, wirkt das Musikvideo wie ein ästhetischer Fingerabdruck unserer Gegenwart: eine Kultur, die sich zwischen Überreizung und Selbstbehauptung bewegt, zwischen dem Wunsch nach Kontrolle und dem Reiz des Kontrollverlusts.

Take My Breath bleibt deshalb mehr als ein Popmoment. Es ist ein Zeitzeichen – ein dunkler, funkelnder Spiegel, der uns zeigt, wie sehr wir uns nach Intensität sehnen, selbst wenn sie uns den Atem nimmt. Zitat: „Du riskierst alles, um dich lebendig zu fühlen“.

Rolf-Michael Hilkenbach / August 2021 /aktualisiert Juli 2026

Quelle des Beitragsbildes: Universal Music


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Fachvermittler für Kultur- und Geschichtspädagogik, Kurator für Narratives. Studium der Sozialpädagogik, Ästhetik und Kommunikation, Psychologie, Soziologie, Geschichte und Germanistik/Literatur

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