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Tränen statt Triumph. Annika Schleu verliert ihre Goldmedaille beim olympischen Modernen Fünfkampf der Frauen in Tokio 2021

Olympischer Wettkampf

Ein Bild, das die Erinnerung an die Olympischen Sommer Spiele 2021 in Tokio prägen wird. Annika Schleu, die Sportsoldatin der Deutschen Bundeswehr, bei ihrer letzten Teildisziplin im Modernen Fünfkampf der Frauen. Die vier anderen Aufgaben – Pistolenschießen, Degenfechten, Schwimmen und Querfeldeinlauf – hatte sie mit Bravour und großem Erfolg hinter sich gebracht, jetzt stand das Springreiten an. Eine olympische Goldmedaille lag in greifbarer Nähe.

Bei der Teildisziplin Springreiten kommt erschwerend hinzu, dass Reiterin und Pferd sich nicht kennen. Mensch und Tier begegnen sich 20 Minuten vor Beginn des Wettkampfs zum ersten Mal. Das gehört zum Regelwerk des modernen Fünfkampfs. So seltsam es klingen mag, das Pferd ist innerhalb dieses Konzeptes zuallererst ein „Sportgerät“. Die Reiterin muss zeigen, dass sie das fremde Pferd funktional beherrschen kann. Sie soll das Tier dominieren und es innerhalb weniger Minuten zu einer komplexen Leistung motivieren. Vor 100 Jahren, als dieses Sport-Konzept entwickelt wurde, war der Begriff „Tierwohl“ noch unbekannt und die ganze Einstellung dazu eine andere. In den 20 Minuten der Kennenlern-Zeit hatte die dreifache Olympiateilnehmerin Annika Schleu schon festgestellt, dass das Pferd „Saint Boy“ schwierig im Umgang war. Das Tier hatte schon mehrere Durchgänge mit anderen Reiterinnen hinter sich, zeigte eine Erschöpfungs- und Verweigerungstendenz. Der anwesende Tierarzt sah allerdings keine Probleme, für einen wiederholten Einsatz des Tieres.

Die Idee zum Modernen Fünfkampf stammt vom Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, und hat nicht zuletzt deshalb innerhalb der unterschiedlichen Wettbewerbe eine ganz spezielle Stellung. Der Wettbewerb sollte eine Königsdisziplin des olympischen Wettkampfs sein und wurde im Jahr 1912 in Stockholm erstmalig ausgetragen.  Den Vorstellungen der Zeit entsprechend, war der Fünfkämpfer DER ideale Athlet.

Der Fünfkämpfer bzw. die Fünfkämpferin muss Konzentrationsfähigkeit und geistige Ruhe zeigen, Ausdauer und Kraft, schnelles Reaktionsvermögen, aber auch Gleichgewichtssinn und Einfühlungsvermögen. Eine Leistungskomplexität, die nur bei wenigen Sportarten erreicht wird. Der Trainingsaufwand ist entsprechend groß. Und es ist sicher nicht zufällig, dass die meisten Fünfkämpfer in der Vergangenheit aus der Polizei und dem Militär kamen.

Der Moderne Fünfkampf kann sehr gut mit den Attributen Angriff, Verteidigung, Durchsetzungsvermögen, extreme physisch-psychische Belastbarkeit charakterisiert werden. Der militärische Kontext wurde von Coubertin selbst formuliert:  „Einem Meldereiter wird im feindlichen Gelände sein Pferd getötet, er verteidigt sich zunächst mit dem Degen, bahnt sich dann den weiteren Weg mit der Pistole, muss durch einen Fluss schwimmen und legt die letzte Strecke bis zum Ziel querfeldein laufend zurück.“ Der inspirierende Background für diese Sportart war eine reale Kampfsituation im Krieg, wo es um Leben und Tod geht, hatte also mit gesundheitspflegerischen Erwägungen oder einem spannend, abwechslungsreichen Leistungsvergleich wenig zu tun.

Das, was nun das Publikum beim olympischen Modernen Fünfkampf der Frauen 2021 zu sehen bekam, machte sehr anschaulich deutlich, dass es beim internationalen Leistungssport hart zu geht. In diesem Fall zu hart für das Pferd, das offenbar überfordert war mit einem ständigen Wechsel der Reiterinnen und zu hart für die Reiterin Annika Schleu, die mit ihren Nerven am Ende war und – gegen den Willen des Pferdes – noch ein einigermaßen gutes Ergebnis erzielen wollte. Die Interaktion von Pferd und Mensch konnte auf diese Weise nur in einer Katastrophe enden. Annika Schleu hätte eine Goldmedaille gewinnen können. Ihre bisher hervorragenden Leistungen im Fünfkampf wurden durch diesen misslungenen und für Tier und Mensch qualvollen Parcours zunichte gemacht. Sie wurde disqualifiziert, weil sie beim Springreiten scheiterte, und landete auf Platz 31.

Es war nur schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie Annika Schleu verzweifelt auf das Pferd mit der Reitpeitsche einschlug, die Sporen immer wieder in die Flanken des Pferdes drückte und die Trainerin ihr zuschrie: Hau drauf, hau drauf! Das Pferd war schweißnass und vollkommen am Ende und die Reiterin stand kurz vor dem nervlichen Zusammenbruch.

Die jetzt häufig zu hörender Forderung, das Reiten durch eine andere Teildisziplin zu ersetzen oder das Regelwerk zum Reiten im Fünfkampf zu ändern, ist im Prinzip richtig und hört sich einfach an. Jedoch: Wird das Reiten aus dem Fünfkampf rausgenommen, ist der ganze Wettbewerb raus aus den Olympischen Spielen. Der Verband müsste dann erst wieder das neue bzw. veränderte Konzept beim Olympischen Komitee genehmigen lassen. Das kann Jahre dauern.

Vielleicht hat dieser Skandal auch damit zu tun, dass wir solche Sportevents durch die heutige Medienvermarktung mehr als Unterhaltung und reines Spiel wahrnehmen. Tatsächlich sind es harte Kämpfe (Moderner Fünfkampf), wo es um Sieg oder Niederlage geht. In diesem Fall kann von einem partnerschaftlichen Arrangement von Tier und Mensch (so hätte man es gern) nicht mehr gesprochen werden. Das Tier sollte eindeutig, in kürzester Zeit, dominiert werden. Und zwar mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, weil Pferd und Reiterin sich nicht kennen und nur wenige Minuten Zeit für eine Passung haben. Deshalb auch die radikalen Anweisungen der Trainerin.

Ich denke, die einzelnen Wettbewerbe müssen neu durchdacht werden. Die Rezeption des Publikums – und damit auch die Erwartungshaltung – ist heute – 2021 – eine andere als vor 120 Jahren.

Hier der verzweifelte Kampf von Annika Schleu mit dem Pferd „Saint Boy“, das sich den Anweisungen der Reiterin mit aller Kraft widersetzt. Reiterin und Pferd sind am Ende ihrer Kräfte! Beide sind mit der angespannten Stresssituation vollkommen überfordert!

Rolf-Michael Hilkenbach / August 2021


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