Eine historische Reflexion
Der 27. Januar ist für uns in der Gegenwart ein wichtiger Gedenktag – ein Tag der Erinnerung an Gewalt, Verfolgung, Unmenschlichkeit und Verbrechen. Seit 1945 steht dieses Datum für Mahnung und Verantwortung.
Im Deutschen Kaiserreich hingegen war der 27. Januar ein Freudentag: der Geburtstag des Kaisers. Dieser Tag war kein Staatsfeiertag und auch nicht arbeitsfrei (wie etwa der Königstag in den Niederlanden), doch im ganzen Land wurde gefeiert – öffentlich wie privat. Dazu musste man die Bevölkerung nicht auffordern, denn der Kaiser war beliebt. Vor dem Berliner Schloss gab es selbstverständlich eine Geburtstagsparade und im ganzen Reich gab es viele kleine Veranstaltungen. In den Schulen lernten die Kinder das Gedicht „Der Kaiser ist ein lieber Mann“
!
Herrschergeburtstage als Feiertage sind in der Geschichte nichts Ungewöhnliches. Im Deutschen Kaiserreich wäre ein allgemeiner Feiertag zu diesem Anlass allerdings nicht so einfach machbar gewesen, denn es gab noch 23 weitere regierende Fürsten in deutschen Ländern
. Wir dürfen nicht vergessen: Das Kaiserreich war ein Staatenbund. In jedem dieser souveränen Teilstaaten wurde eine eigene Tradition für die Geburtstage der Staatsoberhäupter gepflegt.
Für mich persönlich ist das eine interessante Erinnerung! Bei meinen Eltern war dieser Tag noch sehr präsent, so das ich öfter darauf hingewiesen wurde. Wahrscheinlich weil mein Vater und meine Großeltern noch im Kaiserreich geboren wurden. Für meine Großeltern war es die Zeit ihrer Kindheit, Jugend, der Berufsausbildung und eigenen Familiengründung. Und wenn im Schulfunk zum Kaiserreich ein Radio-Feature zu hören war, wurde darüber gesprochen. Als Kind war ich ein intensiver Schulfunk-Hörer
. Vielleicht deshalb meine Affinität zum Kaiserreich
?
Später wurde das Deutsche Kaiserreich sogar zu meinem Prüfungsthema im Fach Geschichte/Fachdidaktik: „Wilhelminismus: Kaiser, Hof und Staat unter Wilhelm II.“ Die Prüfung verlief allerdings nicht ganz so glatt wie ich es mir vorgestellt hatte
.
Prof. Blasius fragte noch gegen Ende der Prüfung nach einer Vertiefung der Politikgeschichte. Ich sollte die Begriffe „Bülowblock“ und „Bülow-System“ erläutern. Mir wurde heiß und kalt zugleich. Den Reichskanzler Bernhard von Bülow hatte ich irgendwie ausgeblendet. Ich erzählte etwas über die Rolle der Liberalen im Kaiserreich, wackelte hin und her über die Bündnispolitik im Reichstag – und Prof. Blasius grinste sadistisch.
Die Prüfung war beendet und ich musste vor dem Büro warten. Die Wartezeit, schien unendlich lang zu werden
. Dann wurde ich wieder hineingerufen und Prof. Blasius tönte laut: „Herr Hilkenbach, wenn ich Sie nicht aus dem Seminar kennen würde und ich nicht wüsste zu welcher Leistung Sie im Stande sind, dann …“. Ich rutschte im Stuhl etwas tiefer und sah meine Felle davon schwimmen. Er diskutierte kurz mit dem Prüfungs-Beisitzer über die Bedeutung der Bülow-Politik und über meine offensichtlichen Kenntnislücken. Dann stand er lachend auf, reichte mir die Hand und gratulierte. Alles war gut! Ich war erleichtert … konnte wieder durchatmen
. Die Anspannung war vorbei.
Aber Bernhard von Bülow geht mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn, wenn es um das Kaiserreich geht😀!
An dieser Stelle öffnet sich ein kleines Zeitfenster in jene Welt, die meine Großeltern noch aus eigener Anschauung kannten. Die folgenden historischen Aufnahmen zeigen Wilhelm II. auf seinen vielen Reisen durch das Reich – ein Kaiser, der sich gern öffentlich inszenierte und dessen Präsenz im Alltag allgegenwärtig war.
Das im Hintergrund zu hörende Lied „Der Kaiser ist ein lieber Mann“ gehörte damals zum festen Repertoire in Schulen und Vereinen. Es prägte das Bild des Monarchen in der Alltagskultur, lange bevor wir heute mit kritischer Distanz auf diese Epoche blicken.
Das Video ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein atmosphärischer Einwurf. Es zeigt, wie selbstverständlich und ungebrochen die Verehrung des Kaisers einst war – und wie weit diese Welt heute von uns entfernt liegt.
Eine Zeitzeugin, die ich in einem Interview hörte, erzählte einmal von einer Begegnung mit dem Kaiserpaar in Düsseldorf. Sie schilderte, wie nahbar und zugleich beeindruckend dieser Moment für sie als junges Mädchen gewesen sei – ein Ereignis, das sich tief in ihr Gedächtnis eingeprägt hatte.
Solche persönlichen Erinnerungen machen sichtbar, wie präsent der Kaiser im Alltag vieler Menschen war. Sie ergänzen die historischen Bilder um jene menschliche Dimension, die in offiziellen Aufnahmen oft fehlt.
Der Kaisergeburtstag war nicht einfach Folklore, sondern Ausdruck von Gegenwarts- und Zukunftsorientierung, Freude, Zuversicht, Identität, Zugehörigkeit und Würde.
Würde innerhalb der monarchischen Festkultur bedeutete hier nicht allein, dass man einer sozial hochstehenden Person Achtung und Anerkennung entgegenbringt, sondern auch – durch die Teilhabe – eine Verstärkung des Bewusstseins der eigenen Würde.
Diese besondere Bedeutung des Kaisergeburtstags zeigte sich auch darin, wie die Menschen durch gemeinsames Feiern ihre Verbundenheit mit der Monarchie und miteinander stärkten. Die Teilnahme an den Festlichkeiten bot eine Gelegenheit, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu erleben und den eigenen Platz in der Gesellschaft bewusst wahrzunehmen. Die feierliche Atmosphäre und die festlichen Rituale förderten ein Gefühl der Wertschätzung und des Stolzes, das über den Anlass hinauswirkte und die Identität der Teilnehmenden nachhaltig prägte. So wurde der Kaisergeburtstag nicht nur als offizielles Ereignis begangen, sondern diente auch als Moment der Selbstvergewisserung und der sozialen Orientierung.
Rolf-Michael Hilkenbach / Januar 2026

Kommentar verfassen