Populäre Musik und POPART! Das ist wohl der Sommerhit oder sogar Jahreshit 2020. „Physical“! Eine Auskoppelung aus dem Album „Future Nostalgia“ von der britischen Sängerin und Songschreiberin Dua Lipa, die neue „Queen of Pop“. Der Titel des Konzept-Albums macht die Inspiration deutlich: Die Zukunft im emotional betonten Spiegel der Vergangenheit. Hier sind es wieder die 8oer Jahre des 20. Jahrhunderts, die musikalisch in der Popmusik zurzeit sehr angesagt sind.
Aspekte der Popkultur erscheinen häufig nur für den Moment gedacht, verschwinden schnell wieder aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Album Future Nostalgia und ganz besonders das Video zu dem Song „Physical“ zeigen jedoch, dass es hier oft eine Geschichte mit interessanten Entwicklungen gibt. Das Video zu dem Song Physical wurde von Dua Lipa und dem spanischen Regisseur Lope Serrano (Produktionsfirma CANADA) gemeinsam entwickelt, es knüpft kreativ an den von Dua Lipa geschriebenen Songtext an.
Der Titel des Songs „Physical“ nimmt Bezug auf einen großen Hit der Sängerin Olivia Newton-John aus dem Jahr 1981. Der Song wurde damals wegen seiner eindeutigen Aussage (Sex) von vielen Radiostationen in den USA aus dem Programm genommen. Dua Lipa greift das Thema in ihrem Song auf, variiert es aber wesentlich dezenter, ist dadurch nicht weniger verständlich, jedoch mit einer anderen Richtung.
Dieses Video wurde in der einschlägigen Fachpresse ausführlich zur Kenntnis genommen, gelobt und als eine beispielhafte Inszenierung von Popkultur bezeichnet. Videos dieser Art, mit außergewöhnlich durchdachter Qualität, werden in der Regel monatelang vorbereitet und sind sehr kostspielig in der Herstellung.
Das Video ist eine Ansammlung von visuellen und textlichen Referenzen auf Elemente der Popkultur der 80er Jahre: Rollerblades der 80er Discoszene, dann Animes, in Japan produzierte Zeichentrickfilme und nicht zuletzt der von dem ungarischen Bauingenieur und Architekten Ernő Rubik in den 80er Jahren entworfene bunte Zauberwürfel. Die klaren Grundfarben des Würfels spielen im Video eine wichtige Rolle: Farbkombinationen, die aus den Grundfarben entstehen. Jede einzelne Farbe steht für sich in ihrer Einzigartigkeit, bekommt aber im intelligenten Zusammenspiel eine weiterführende Dimension. Die Musik nimmt Anleihen am Synthie-Pop der 80er. Es gibt auch Anklänge an den Musik- und Tanzfilm Flashdance von 1983.
Substantive auf den Jacken der Tänzer verweisen auf die Schweizer Popart Künstlern Peter Fischli und David Weiss, die in den 80er Jahren zu den renommiertesten Gegenwartskünstlern zählten. Die Arbeiten von Fischli und Weis wurden unter anderem im Guggenheim Museum, im Museum of Modern Art in New York und im Londoner Tate Modern präsentiert. Fischli/Weiß wurden vor allem dadurch bekannt, das sie Alltagsgegenstände und Alltagssituationen mit viel Ironie und Humor in ihre Kunstwerke integrierten.
Zu Beginn der 80er Jahre entwickelten Fischli/Weiß ein konzeptionelles Diagramm, das nach ihrer Vorstellung die universellen Hauptkonzepte darstellt, aus denen die Welt besteht. Das Diagramm ist zu Beginn des Videos auf dem Handy von Dua Lipa zu sehen, im Hintergrund an der Wand, ein Poster mit dem Bild von Peter Fischli.
Für Fischli/Weiß bestehen die Hauptkonzepte der Welt aus Menschen, Emotionen, Tiere und Materie. Diese Konzepte kreuzen sich und bilden neue Konzepte. Die vier Hauptkonzepte werden von Dua Lipa im Video mit den Primärfarben des Zauberwürfels versehen, die durch intelligente Mischung auf die Kreativität des Lebens verweisen. Diese kreative Mischung soll der eigentliche Höhepunkt des Lebens sein, das Zentrum jeglicher Existenz.
Die Kraft, die all dies vorantreibt, ist die Liebe, hier das LED-Herz, das Dua Lipa einem Anime-Mann aus der Brust zieht, und das im weiteren Verlauf des Videos die Protagonistin von einer spektakulären Farbwelt zur nächsten zieht oder eben auch Sex. Deshalb „Physical“, lasst uns körperlich werden, lasst uns unserer Körperlichkeit bewusst werden singt Dua Lipa. Zum Ende des Videos strömen alle Farben zusammen, zu einem gemeinsamen Tanz, der Höhepunkt der kreativen Interaktion, einem ganzheitlich körperlich erlebbaren Orgasmus des Lebens. So interpretiert es zumindest der Regisseur Lope Serrano.
Zu Beginn des Videos, sind in der Szenerie zwei Spiegel zu sehen. Dua Lipa sitzt vor einem Spiegel und im Hintergrund erkennt man einen Standspiegel. Später, in der grünen Tanzszene, bewegen sich die Darsteller vor einen großen Spiegel. Dies kann ebenfalls als ein Verweis auf Fischli/Weiß gesehen werden. Die Spiegelung verdoppelt die Wirklichkeit, ist aber auch eine eigene Form von Realität und ruft nicht selten Veränderungen hervor. Der Spiegel ist bei Fischli/Weiß ein mögliches Konzept der Transformation von Realität, die wiederum neue Konzepte erzeugen kann, indem sie die Wahrnehmung erweitert und damit eine weitere Dimension der Gestaltung eröffnet. Letztendlich kann das gesamte Album Future Nostalgia, sowie speziell der Song „Physical“, als kreatives Produkt einer Spiegelung gesehen werden!
Das Video wird eingeleitet von einem Stück klassischer populärer Musik, aus einer anscheinend weit zurückliegenden Vergangenheit. Eine gewagte Linie, bis zur Popmusik der Gegenwart?
Zum Song „Physical“ hat Dua Lipa auch ein sehr populäres Workout-Video produziert. Auch das ist nicht zufällig, gehört zum Konzept des Songs und des Albums „Future Nostalgia“. Das Workout-Video erinnert an den weltweiten Durchbruch von „Aerobic“ in den 80er Jahren, einem neuen Fitnesstraining aus einer Mischung von klassischer Gymnastik und Tanz. Damals besonders populär geworden durch die sehr erfolgreichen Aerobic-Videos von Jane Fonda und Sydney Rome. Es ist die Zeit, wo sich ein ganz neues Körperbewusstsein entwickelte. Auch in dem sehr erfolgreichen Kinofilm „Flashdance“ von 1983 wird in den Tanzszenen diese spezielle Körperlichkeit zum Ausdruck gebracht (zum Beispiel in der Szene mit dem Song „Maniac“).
Rol-Michael Hilkenbach / Juli 2020

Kommentar verfassen