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Kulturgeschichte Pop-Musik – Gelebte Migrationsgeschichte – TARKAN TEVETOGLU

Er ist bis heute der einzige Weltstar, den die türkische Musikindustrie hervorgebracht hat. Tarkan Tevetoglu ist international bekannt, der erste türkische Pop-Musiker mit internationaler Bedeutung. Er hat in vielen, ganz unterschiedlichen Ländern, ein großes Publikum. Stets sind seine Konzerte ausverkauft, in Istanbul, Berlin, Amsterdam, London, Paris, Stockholm, Moskau, Los Angeles oder Buenos Aires.  Und das überraschende: Tarkan wurde in Deutschland, im Rheinland, 1972 geboren und ist im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen, aufgewachsen. Er ist das Kind von türkischen „Gastarbeitern“, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen.

 „Gastarbeiter“ waren in den 50er und 60er Jahren in Deutschland sehr gefragt. Mit gezielten Anwerbeaktionen wurden viele Arbeitskräfte aus südeuropäischen Ländern und der Türkei nach Deutschland geholt. An eine wirkliche Integration der Arbeitsmigranten hatte man jedoch nicht gedacht, eine Rückkehrorientierung prägte die Grundhaltung der Politik und das soziale Klima in der deutschen Gesellschaft.  So änderte sich in den 80er Jahren, mit dem Abflauen der Wirtschaft und den immer mehr ansteigenden Arbeitslosenzahlen, die politische Haltung grundlegend. Man wollte die zugewanderten Menschen möglichst schnell wieder loswerden. Viele Migranten hatten jedoch inzwischen in Deutschland eine neue Heimat gefunden und Familien gegründet. So ließ sich die Politik unter anderem finanzielle Anreize einfallen, um zumindest einen Teil der Migranten zur schnellen Rückkehr zu bewegen. Vor allem dachte man hier an die in Deutschland lebenden Türken.  In der Türkei wurden die Deutsch-Türken aber nicht selten ebenfalls als Fremde betrachtet. Nach oft mehr als 30 Jahren in Deutschland, hatten sich die Menschen verändert und es gab Anpassungsprobleme. Die Reintegration im Herkunftsland war nicht jedes Mal erfolgreich.  Die Verbundenheit mit der Heimat und die Lebenserfahrungen in Deutschland ließen sich nicht immer in einer Schnittmenge zusammenbringen.  So bildete sich gerade für die Deutsch-Türken ein Leben in zwei Kulturen heraus. In Deutschland noch betont, durch die mögliche doppelte Staatsbürgerschaft.

Tarkan bekräftigte in einigen Interviews immer wieder, das er sich im Milieu der türkischen Migrantenkultur in Deutschland zuhause gefühlt habe (aber nicht in Deutschland ansich)  und das er Türkisch als seine Muttersprache ansehe, weil es die Sprache seiner wichtigsten Bezugspersonen in Kindheit und Jugend gewesen sei. Tarkan spricht fließend Deutsch, Türkisch und Englisch. Türkisch sei aber für ihn die Sprache, in der er sich am besten Ausdrücken könnte.  Die orientalische Kultur der Türkei, wurde neben der deutschen Heimat, zu einem wichtigen Bezugspunkt in seinem Leben, jedoch kam er nie mit den so anderen traditionell muslimisch geprägten, gesellschaftlichen Strukturen in diesem Land zurecht. Sein Lebensstil war durch sein Elternhaus und das deutsche Umfeld seiner Kindheit und Jugend westlich, liberal geprägt. Das führte später, während seiner Musik-Karriere, in der Türkei zu einigen Konflikten. Andererseits war er gerade durch diese differenzierten kulturellen Erfahrungen in der Lage, in der populären Musik, einen sehr erfolgreichen Spagat zwischen Tradition und Moderne zu bilden.  Seine Musik blieb der traditionellen, orientalischen Arabeske verbunden und integrierte moderne, westliche Stilrichtungen der Pop-Musik. Damit wurde er zum Protagonisten einer neuen Entwicklungsrichtung in der türkischen Musik der 90er Jahre, der sich auch viele andere Künstler der Musikszene anschlossen.  

„Kedi Gibi“ (Wie eine Katze) ist die aktuelle Musikproduktion 2019

Komm schlag genau auf die zwölf
Komm so, dass in diesem Momet der Boden erbebt
Komm, ohne dich ist es sinnlos
Wie sehr habe ich doch diese süsse Aufregung vermisst
 
Nimm mich und lass mich auf deinen Flügeln fliegen, lass uns Fahrt aufnehmen zum rötlichen Horizont
Komm Liebe, ruf mich zu dir, damit ich mich wie eine Katze an Deine Wärme schmiege
Umschließe mich und schmeiss mich danach weg, schmeiss mich in die Einsamkeit
Ich bin bereit, bin längst einverstanden, ich bin mit dir zu Allem bereit
Übergib mich der Glut, wenn du willst verbrenne mich, wenn ich verbrannt werde, dann von Dir
 
Komm, komm damit wir uns Wiedersehen
Lass uns die Segel zu regenbogenfarbenen Wunschträumen hissen
Komm, nimm mich an die Hand
Lass uns von nach Liebe riechenden Feldern in Märchen springen
 

Den orientalischen Konservatismus in der Türkei forderte Tarkan, in den ersten Jahren seiner Musikkarriere, immer wieder heraus, durch sehr freizügige Songtexte und durch sein äußeres Erscheinungsbild. Seine Tanzeinlagen in den Musikvideos, Makeup, Schmuck, Kleidung und bewusst gewählte PinUp-Pose entsprachen in keinster Weise dem türkisch-konservativen Männlichkeitsbild. Hinzu kam, dass Tarkan auch eine große schwule Fangemeinde hatte. Spekulationen über seine sexuelle Orientierung führten zu einer versuchten Erpressung und einer diffamierenden Kampagne in den konservativen Zeitungen. Frauenliebhaber, Bisexuell oder mehr an Männerbeziehungen interessiert? Tarkan hat sich bewusst nie eindeutig dazu geäußert. Allerdings wurde er mit dieser – für türkische Verhältnisse – provokanten öffentlichen Selbstdarstellung zu einem Vorbild für die junge türkische Generation. Tarkan ist deshalb in der Türkei mehr als nur ein Star der Pop-Kultur. Bis heute gilt er als Ikone einer jungen Generation, die sich nach einem Aufbruch der traditionellen, konservativen Kultur sehnte. In seinem Song „Öp“ thematisierte er mit viel Selbstironie, das Spiel mit der Identität und seinem Image.

Wer ist dieses neue Ich
Das ich im Spiegel erblicke
Ist dieses neue Ich, Ich
Welches ich kennenlerne?
Mein Gestern und mein Heute
Ein Herz und eine Seele
Spät und sauber geworden
Mein Chaos der Vergangenheit
Hat mich von meinen Sünden reingewaschen
Mir ihre Unschuld übertragen

„Kuzu, Kuzu“ (Kleines Schaf, Schäfchen)) war einer der größten Erfolge von Tarkan und darf bei keinem seiner Konzerte fehlen!
Schau! Mein Arm ist gebrochen, ich blute
Es ging nicht, ich konnte mich nicht festhalten
Schwer! Ohne dich ist es sehr schwer
Ich konnte mich nicht daran gewöhnen
Schlag, schlag diesen hirnlosen Kopf
An Wände und Steine
Verzeih mir danach, komm umarme mich
Ich bin schmelze dahin
Ohne dich bin ich nichts
Jetzt bin ich wie ein Schäfchen gekommen
Wie du es wolltest, beuge ich mich vor Dir
Meinen Stolz gab ich dem Feuer
Ich habe ihn verbrannt und bin gekommen
Entweder wirf oder küss mich
Aber höre mir erst zu, schau mir in die Augen
Glaube mir, diesmal
Jetzt verstehe ich die Situation, und habe Gott um Verzeihung gebeten

Familie Tevetoglu ging 1986 zurück in die Türkei, aber 1991 kamen sie wieder nach Deutschland. Die Eltern von Tarkan hatten schon früh sein Gesangstalent erkannt und ihn in dieser Hinsicht auch gefördert. Mit 15 Jahren hatte er erste öffentliche Auftritte, bei unterschiedlichen Events der türkischen Community im Ruhrgebiet.  Als die Familie Ende der 80er Jahre in Istanbul lebte, ermöglichten sie ihrem Sohn eine klassische Musikausbildung an der Musikhochschule Karamürsel. Später in den 90er Jahren, als er von seiner Musik schon leben konnte, absolvierte Tarkan in New York am Baruche College ein Studium in Musikwissenschaften.

Bei ersten kleinen Auftritten, in der Umgebung von Istanbul, wurde Tarkan als Sänger für die Musikindustrie entdeckt.  Der Musikproduzent Mehmed Sögütoglu verschaffte ihm einen Vertrag bei Istanbul Plak, der wichtigsten Musikproduktionsfirma in der Türkei. Dort kam er in Kontakt mit der bekannten türkischen Sängerin Sezen Akzu. Sie wurde seine Mentorin bei der Suche nach einem eigenen Stil, der ungefähr mit dem Begriff „Orient-Pop“ umschrieben werden kann. Musikalisch traditionelle, folkloristische Elemente, orientalische Melodien, ohne die in der Türkei kein Pop-Musiker wirklich erfolgreich sein konnte, verbunden mit zeitgenössisch modernen westlichen Klang- und Rhythmus-Elementen. Genau diese kreative Mischung machte die Musik von Tarkan so erfolgreich. Mittlerweile produziert und komponiert Tarkan nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Gesangskünstler der türkischen Pop-Musikszene. Seine wertschätzende Verbundenheit mit der traditionellen türkischen Musik dokumentierte das Album „Ahde Vefa“ aus dem Jahr 2017, das ausschließlich klassische Lieder der türkischen Musikkultur enthält.

Die beiden folgenden Videos zeigen das breite Spektrum in der musikalischen Ausrichtung von Tarkan.

Acimayacak (Es wird nicht weh tun). Die Geschichte eines verhängnisvollen Date. Ein junges Mädchen will zum Tanzen gehen…und – relativ ahnungslos – fällt sie einem skrupelosen Verführer in die Hände! Der will Sex, sonst nichts. Unter anderem wegen solcher Songtexte, bekam Tarkan, aus türkisch konservativen Kreisen, viel Kritik.
Tarkan ganz traditionell. Ein Lied aus dem Album „Ahde Vefa“

Seinen internationalen Durchbruch hatte Tarkan 1999 mit dem Song „Simarik“ (Der Kuss). „Simarik“ gilt bis heute als der bekannteste türkische Pop-Song überhaupt. Tarkan bekam dafür unter anderem in Monaco den „World Music Award“ verliehen. Es war das erste Mal, dass ein türkischer Popsong eine so hohe internationale Anerkennung erhielt.  Sein 2010 veröffentlichtes Album „Adimi Kalbine Yaz“ ist das meistverkaufte Musik-Album in der Türkei, ca. 400.000 CDs wurden innerhalb eines Jahres verkauft.

In einem Interview nach seiner Heimat gefragt, konnte Tarkan dazu keine klare Antwort geben. Er ist deutscher und türkischer Staatbürger, lebte in Deutschland, in der Türkei und einige Jahre in den USA und gegenwärtig wieder in Deutschland, in Köln.

„Pare, Pare“ (Stück für Stück) ist eine der schönsten Baladen von Tarkan

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen
Deswegen ist die eine Seite immer etwas reizbar und traurig
Immer noch spüre ich jede einzelne bittere Wunde
Aus diesem Grund ist mein See immer wellig
Und mein Ufer so leer
 
Mal geh ich auf, mal geh ich ab. Mal weine ich, mal lache ich
Stück für Stück ist meine Freude immer etwas trocken
So gross wie die Berge und die Meere, sind die Schmerzen in mir. Meine Zeugen sind die Lieder
Jedes mal, wenn ich mit Hoffnung die Augen für die Welt öffne
Immer, wenn ich wie eine Blume aufgehe, kommt der Herbst
 
Ich habe schon sehr früh die Leiden des Schicksals genossen
Ich bin zu schnell gewachsen, jetzt ist meine Kindheit verloren
 
Mal gehe ich auf, mal gehe ich ab. Mal weine ich, mal lache ich.
Stück für Stück ist meine Freude immer etwas trocken
So gross wie die Berge und die Meere, sind die Schmerzen in mir. Meine Zeugen sind die Lieder
Jedes mal, wenn ich mit Hoffnung die Augen für die Welt öffne
Immer, wenn ich wie eine Blume aufgehe, kommt der Herbst

Quelle des Eingang Fotos: http://www.Tarkan.com

Rolf-Michael Hilkenbach / Oktober 2019


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Fachvermittler für Kultur- und Geschichtspädagogik, Kurator für Narratives. Studium der Sozialpädagogik, Ästhetik und Kommunikation, Psychologie, Soziologie, Geschichte und Germanistik/Literatur

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