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Kulturgeschichte – Populäre Musik. Der König des Italo- Pop/Italo-Disco – DEN HARROW

Den Harrow war ein effizient durchkalkuliertes Produkt der italienischen Musikindustrie. Der international erfolgreichste Act der Italo-Disco.  Hinter dem Produkt Den Harrow standen der italienische Dressman Stefano Zandri und die Musikproduzenten Miki Chieregato und Roberto Turatti. Einige Interpreten des Italo-Disco hatten bereits großen Erfolg. Meist jedoch nur mit einem einzigen Song. Ihr großer Erfolg in Italien konnte außerhalb der Landesgrenzen nicht in gleichem  Maß wiederholt werden. Erst mit Den Harrow gewann Italo-Disco eine internationale Bedeutung. Ihm gelangen 8 Hits in den Top-Ten von mehr als 20 Ländern. Drei Alben wurden mit Gold und Platin ausgezeichnet.  In Deutschland konnte Den Harrow zeitweise Michael Jackson von Platz 1 der beliebtesten Popkünstler verdrängen.

Italo-Disco ist eine Variante des Italo-Pop. Es ist eine spezielle Stilrichtung populärer Musik aus Italien. Diese Musikrichtung war in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich. Der Italo-Pop brachte viele Balladen hervor. In der musikalischen Komposition verwendete er unterschiedliche Akustikinstrumente. Italo-Disco setzte hingegen ausschließlich auf rhythmische, tanzbare Musik und elektronische Instrumentierung. Italo-Disco kann so auch dem Genre Elektro-Pop zugeordnet werden. Italo-Disco war sehr kommerziell, bildet musikgeschichtlich jedoch ein Vorbild für, die sich später  entwickelnde, House-Music und Techno-Szene, auch Euro-Dance. Viele nicht-italienische Musikproduzenten ließen sich vom Sound des Italo-Disco inspirieren.

Charakteristisch für Italo-Disco war ein 4/4 Takt. Dieser wurde konsequent bei einzelnen Musikstücken durchgezogen. Eine sehr tiefe Basslinie war ebenfalls charakteristisch, sowie der Einsatz bzw. der Klang der großen Trommel und das Geräusch einer kleinen Trommel, die wie ein rhythmische Händeklatschen klingt. Unentbehrlich natürlich der Synthesizer und Drumcomputer. Die Melodien mussten stets sehr eingängig sein.  Der Gesang wurde technisch in den Vordergrund gezogen, quasi über die Instrumentierung gelegt.

Die damals neueste elektronische Technologie zur Erzeugung von Klängen begeisterte viele Komponisten. Das führte dazu, dass Musik sehr elektrolastig wurde. Aber genau das war es, was viele Menschen in dieser Zeit begeisterte.  Die Musik klang modern, kühl, lässig und souverän. Italo-Disco signalisierte ausdrucksstarke, aber immer noch kontrollierte Emotionalität. Man könnte es auch mit dem Begriffen Coolness oder Beherrschung umschreiben. Ein selbstbewusstes Bekenntnis zu starken Emotionen, ein Spiel mit Emotionen, ohne die vollkommene  Selbstbeherrschung zu verlieren (sehr schön dargestellt in dem Video „Bad Boy“). Das genaue Gegenteil wäre eine nervöse Geisteshaltung. Diese Stimmung hätte eine Tendenz zur Selbstauflösung. Es könnte sogar ein Abdriften in eine andere Realität bedeuten. Das sollte es auf keinen Fall sein! Damit stand Italo-Disco vollkommen kontrovers zu den, gewollt grenzüberschreitenden, musikalischen Experimenten der 60er und früher 70er Jahre.

Keine Stilrichtung in der populären Musik ohne den passenden gesellschaftlichen Hintergrund. Anfang der 80er Jahre erlebte vor allem der Norden von Italien einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nicht mehr der Protest bzw. ein Aufbegehren gegen das politische Establishment waren jetzt gefragt, sondern das Feiern des Erfolgs. Die Menschen wollten die erreichte Veränderungen im gesellschaftlichen Leben und den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Erfolg genießen. Das Leben sollte glitzern. Italo-Disco lieferte dazu den passenden Sound. Eine Bewegung, die sich gegen Tristesse und Verweigerung richtete. Vergangenheit, auch Gegenwart, wurden als absolut überwindbar wahrgenommen. Zukunft war das Thema (siehe auch den Hit von Den Harrow „Future Brain“). Besonders in Mailand entstanden zu diesem Zeitpunkt viele Clubs, Tanzlokale in denen „abgefeiert“ wurde.

Stefano Zandri wurde nach eigenen Aussagen in Boston (USA) geboren und war in Italien aufgewachsen.  Schon in jungen Jahren wurde er in Italien unter dem Namen „Denaro“ zu einem gut beschäftigten Male-Model. In einer Diskothek in Mailand kam er Anfang der 80er Jahre in Kontakt mit den Musikproduzenten Chieregato und Turatti. Sie erkannten sofort das Vermarktungspotential von Stefano Zandri für die Musikindustrie.  Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Stefano Zandri noch nie öffentlich gesungen. Er zeigte sich als ein sehr guter Performer, er wusste sich zu bewegen. Und er war ein „Blonde Bombshell“. So sagt man im Amerikanischen, wenn man eine besonders attraktive Person mit blonden Haaren beschreiben will.  Seine Gesangsqualitäten waren eher mäßig. Die ersten Tests waren enttäuschend. Den Harrow sollte in Englisch produziert werden und es gab wohl auch Probleme mit der englischen Aussprache. Der Akzent war zu stark. Stefano Zandri bekam Gesangsunterricht und Gesangstraining, doch das führte auch nicht viel weiter.

Inzwischen waren schon die ersten Songs geschrieben und komponiert. Die Produzenten wollten so schnell wie möglich mit den CDs auf den Markt, um den bereits erfolgreichen Italo-Pop weiter auszubauen. Da kam Roberto Turatti auf die Idee, einen der Song-Komponisten singen zu lassen, den (noch unbekannten) amerikanischen Sänger Tom Hooker. Stefano Zandri sollte zum Playback nur den Mund bewegen und das Lied präsentieren. So wurde es auch gemacht und die Wirkung war damals beeindruckend. Aus dem Dressman „Denaro“, Stefano Zandri, wurde so der Interpret „Den Harrow“. Ein ganzes Team von Stylisten und Make-Up-Artists wurde engagiert. Ihr Ziel war es, das öffentliche Erscheinungsbild von Den Harrow zu gestalten. Die Vermarktungszielgruppe wurde festgelegt: In erster Linie Mädchen und junge Frauen. Den Harrow wurde sorgfältig als männliches PinUp in Szene gesetzt; eine Kunstfigur über deren realen Lebenshintergrund man kaum etwas erfuhr. Bis heute ist aus der Biografie von Den Harrow so gut wie nichts bekannt. Keine Homestorys, keine ausführlichen Interviews. Eine Projektionsfläche für Wünsche, Träume, Vermutungen. Ein Eyecatcher zur Bewunderung. Ein Teenie-Idol. Das war und ist Den Harrow. Sex sells, ist eindeutig eine Komponente des Produkts. Bei Auftritten von Den Harrow gehörte nicht selten ein Striptease dazu. Gelegentlich warf er eine Handvoll Kondome in das kreischende Publikum. Das Konzept ging voll auf.

Bei seinen Auftritten wurde Den Harrow stets synchronisiert, auch bei Live-Konzerten. Technisch wurde es so gut organisiert, dass er immer die Möglichkeit hatte mit seinem Publikum zu kommunizieren und er konnte beim Gesang Takes mit eigener Stimme geschickt einfügen. So fiel es niemandem auf, das Den Harrow nicht selber sang. Seine Synchronstimmen waren Chuck Rolando, Silvio Pozzoli und Tom Hooker. Mit der Stimme von Tom Hooker produzierte er die ersten zwei, sehr erfolgreichen Alben. In dem Moment wo Tom Hooker aus dem Projekt ausstieg, begann auch der Stern von Den Harrow zu sinken. Aufmerksamen Hörern fiel auf, dass die Stimme von Den Harrow auf dem dritten und vierten Album ganz anders klang. Der ein oder andere Musikkritiker äußerste schon mal den Verdacht, das Den Harrow nicht selber singt. Aber diese sich vorsichtig entwickelte Kritik, änderte nichts an dem enorm großen Erfolg von Den Harrow. Seine Fan-Gemeinde hielt fest zu ihm….und das bis heute. Und daran wird deutlich: Die Wirkung von Den Harrow beruhte nicht allein auf dem Gesang. Es war das Gesamtpaket: Person, Image, Musik, Performance. Der große Erfolg des Musikprojekts „Den Harrow“ basierte auf der Kombination verschiedener Talente: Tom Hooker als Songwriter und Sänger, Miki Chieregato als maßgebender Produzent und Stefano Zandri mit seiner Persönlichkeit, seinem Stil und seinen schauspielerischen und tänzerischen Fähigkeiten. Allerdings, die eigentliche Karriere von Den Harrow war ohne passende Synchronstimme beendet. Tom Hooker und Chuck  Rolando zum Beispiel, strebten eine eigene Solokarriere an. Nicht weiter tragisch, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten alle Beteiligten des Projekts einige Millionen verdient.

Stefano Zandri  ist unter seinem Pseudonym Den Harrow immer noch als Entertainer und Performer unterwegs. In den letzten Jahren wieder mehr, weil Italo Disco ein Revival erlebt. Erst 2012 hatte Den Harrow öffentlich in einem Fernsehinterview zugegeben, das er niemals selber gesungen hat. Zwar versucht er es gegenwärtig bei Live-Auftritten auch mit eigener Stimme, aber immer mit einer Synchronstimme im Hintergrund. Das führte 2010 zu einem unschönen Rechtsstreit. Tom Hooker verlangte von Den Harrow Tantiemen, dafür das er immer noch bei Auftritten seine Stimme benutzt.  In der italienischen Öffentlichkeit wurde dieser Streit sehr emotional zur Kenntnis genommen und heftig diskutiert. Das änderte jedoch nichts an der weiterhin vorhandenen Popularität von Den Harrow. Er ist mittlerweile fast 60 Jahre alt und tingelt immer noch mit seinen alten Hits durch die Lande.

Der Song „Don`break my heard“ war der größte Erfolg von Den Harrow. International 20 Wochen in den Top Ten.

Das Video „Bad Boy“ zeigt eine typische Performance von Den Harrow und der Song selbst spiegelt das Wesen des Italo-Disco-Pop.

Der Song „Take me“ gehörte zu den Erfolgen von Den Harrow, steht aber am Ende seiner Karriere und zielt nicht in erster Linie auf ein jugendliches Publikum. Das Musik-Produkt Den Harrow sollte, über den zuerst angestrebten Zielgruppen hinaus, ein breiteres Party-Publikum ansprechen. Der Sound von Italo Disco wird hier Anfang der 90er noch einmal wiederholt, ist aber zu diesem Zeitpunkt auf dem Musikmarkt nicht mehr der ganz große Wurf. Sex sells, wird bei dieser Performance pointiert in Szene gesetzt und zielt auf die Wahrnehmung des Images von Den Harrow als „handfesten“ Typ mit einer Spur von Aggressivität. Während des Auftritts geht Den Harrow auf eine Zuschauerin zu und animiert sie, ihm in den Schritt zu fassen. Aus heutiger Sicht (2019) könnte man dies durchaus – sehr kritisch – als eine sexistische Darstellungsform bezeichnen. Dem würde ich jedoch entgegen setzen. Es handelt sich hier eher um ein Plädoyer für einen selbstbewussten Umgang mit der eigenen Persönlichkeit. Im Song heißt es sinngemäß, du hast die Chance einen Wandel in deinem Leben herbeizuführen. Schau nicht zurück, sondern nach vorn. Die Zukunft ist sichtbar. Warum nutzt du die Gelegenheit nicht. Du bist so schön, dir stehen alle Türen (Möglichkeiten) offen. Ich würde alles geben, um die Gelegenheiten zu halten, die sich mir bieten. Sei mutig, nimm mich, wenn du es willst (greif nach deinen Träumen). Sei nicht traurig, sei ruhig ein wenig verrückt. Wage einfach das, was dir unmöglich erscheint! Damit charakterisier der Song „Take me“ Aspekte des psychosozialen Klimas der 80er und beginnenden 90er Jahre: Grenzen überwinden, veränderte Orientierungen mit Perspektive auf eine Zukunft, die neu gestaltet werden kann.
Rolf-Michael Hilkenbach / August 2019


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