Zwischen Palmen und Plastik, zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit – das Glück liegt nicht am Sonnenstrand.
Ich muss immer wieder staunen.
Ausgerechnet die sogenannte „spirituelle Szene“ wirbt mit Seminaren in Kenia, auf Lesbos, in Marokko, auf Ibiza, Teneriffa…
Menschen, die in Kontakt zu Engeln stehen sollen oder zur geistigen Welt.
Warum müssen die Teilnehmenden der Seminare um die halbe Erdkugel fliegen und dabei die Welt verpesten, um ein bisschen in die eigene Mitte, zu sich selbst, oder wo auch immer hin zu kommen?
Wenn ich das Radio anschalte, werben Moderatoren ständig für Flugreisen und Kreuzfahrten, die es zu gewinnen gibt. Eingeblendet werden laute jubelnder Menschen, die bereits gewonnen haben.
Seit Fliegen billig geworden ist, kann sogar die „deutsche Putzfrau“ nach Mallorca, können Berufsgestresste für einen kurzen Trip in weit entfernte Länder ihrer Sehnsucht fliegen. Eine Generation zuvor ging das noch per Anhalter oder Interrail.
Jetzt sehe ich auf Facebook immer wieder Fotos vom Grand Canyon, die Kulisse New Yorks oder Sydneys, Füße am Strand oder Pool mit Palmen und Drinks.
Und ich sehe Bilder von verhungernden Kindern, flüchtenden Menschen, verseuchten Flüssen, versmogten Großstädten in China und Indien.
Kriege werden um die Ressourcen der Welt geführt, Menschen werden Opfer dieser Kriege.
Wenn diese Menschen dann an Europas Grenzen stehen und von einer besseren Welt träumen, frei von Krieg und Zerstörung, bekommen sie, die Opfer dieses Wahnsinns, von vielen die Türe zugeschlagen.
Aber das gehört zu unserer Freiheit dazu.
Im Winter in warme Gefilde fliegen, dem Alltag entkommen, an die idyllischsten Orte, die dafür von der Tourismusindustrie zerstört werden.
Nicht hinterfragt vom Radiomoderator, nicht einmal von Engelmedien und anderen „Heilern“.
Doch die Idylle trügt.
Auf Lesbos werden inzwischen tote Menschen, auch Kinder angespült. Sie, die sich vor dem Krieg in unsichere Schrottboote begaben.
An einst touristischen Stränden werden die Folgen des Wahnsinns deutlich.
Da nützt es nichts in den Drink am Pool zu starren oder im Yogasitz auf den Klippen zu sitzen.
Wir können den Zusammenhang nicht mehr leugnen.
Ich wünsche mir mehr Menschen, die schon den Kindern etwas anderes vorleben. Moderatoren, die andere Werte vertreten. Vorbilder, von denen Licht ausgeht – auch im tiefsten Winter.
Das Glück liegt nicht am Sonnenstrand, sondern in uns selbst.
Der Weg führt nicht entlang des Himmels, sondern im Wechselspiel zwischen uns und dem Himmel.
Flügel haben wir nicht bekommen, aber ein Herz und Verstand.
Martina Kroll
In Erinnerung an Martina Kroll – eine klarsichtige Stimme, die bleibt.

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