
Missbrauchsskandale aus dem kirchlichen Bereich sind mittlerweile keine Neuigkeit mehr. Ein schrecklicher Bericht jagt den nächsten. Im Focus der Öffentlichkeit ganz besonders die Katholische Kirche. In Regensburg waren es ca. 700 Opfer bei den „Regensburger Domspatzen“.
Zitat aus einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 8. Januar 2016
„Mindestens 231 Kinder sollen zwischen 1953 und 1992 bei den Regensburger Domspatzen misshandelt, weitere 50 sexuell missbraucht worden sein. Fast viermal so viele Opfer wie das Bistum bis dato eingeräumt hatte. Hier noch von Einzelfällen zu reden, wäre zynisch. Es handle sich um ein System, sagt Anwalt Ulrich Weber, den das Bistum vor einem Dreivierteljahr beauftragt hat, den Missbrauch bei den Domspatzen lückenlos aufzuklären. Mehr noch als die Zahlen erschrecken die Ereignisse hinter den Zahlen. Die sexuellen Übergriffe reichten „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“. Darüber hinaus seien die Kinder teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, mit dem Siegelring, mit dem Schlüsselbund. Und wenn eines der Kinder vor Angst ins Bett gemacht habe, sei es zur Strafe vor seinen Mitschülern bloßgestellt worden.“
Ganz aktuell der 884 Seiten starke Bericht des US Generalstaatsanwaltes Josh Shapiro über den Missbrauch von Kindern innerhalb der Katholische Kirche von Pennsylvania. Es wird von ca. 1000 Kindern gesprochen, die zu Opfern sexueller Übergriffe wurden. Die Täter: Mutmaßlich 300 Priester (siehe Spiegel Online und in der „taz“ vom gleichen Tag, 15.8.2018).
Ist dies vorrangig ein kirchliches Problem? Nein, natürlich nicht. In den vergangenen Jahren wurden einige gleichartige Skandale in unterschiedlichen Institutionen aufgedeckt: Internate, Schulen, Sportvereine. Die meiste sexuell geprägte Gewalt gegen Kinder ereignet sich in der Familie und im Umfeld von Familien. Väter UND Mütter sind hier die Täter, auch der Familie nahestehende Personen. Familie ist für sehr viele Kinder keineswegs ein Schutzraum, sondern ein Gefängnis sexueller Übergriffe und körperlicher Misshandlung. Recherchiert man zu diesem Thema, stößt man schnell auch auf reichlich Berichte über Eltern, die ihre Kinder zur Prostitution zwingen oder pornografische Fotos eigner Kinder im Internet vermarkten.
Bei der Analyse dieses gesellschaftlichen Phänomens dürfen Sexueller Missbrauch und gewalttätige körperliche Misshandlung nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Beides verweist auf ein gemeinsames Muster.
Kinder sind in unserer Gesellschaft Verfügungsobjekte. Auch wenn sich das offen autoritäre gesellschaftliche Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen zu einem mehr partnerschaftlichen gewandelt hat. Es ist immer noch eine Tatsache, dass Kindern ein Recht auf individuelle Existenz abgesprochen wird. Kinder haben Erwachsenen zur Verfügung zu stehen, ein soziales Anhängsel des erwachsenen Lebens, auf keinen Fall mehr. Kinder sollen die Wichtigkeit ihrer erwachsenen Bezugspersonen steigern, vor allem wenn andere sozialen Lebensbereiche dazu nicht taugen. Sie sollen Erwachsenen einem Lebenssinn vermitteln, Kinder sollen das Prestige von Erwachsenen fördern, ein Aushängeschild für den eigenen Lebenserfolg sein. Und gerade heutzutage sollen Kinder emotionale Bedürfnisse der Erwachsenen befriedigen, fehlende, unbeständige Partnerschaft ersetzen, psychoemotionale Zuwendung sichern, drohende Einsamkeit kompensieren.
Im Streitfall zwischen Erwachsenen (bei Ehescheidungen) wird vor Gericht über die Verfügung der Kinder gestritten, quasi ein Besitzrecht auf Kinder eingeklagt. Dieses verdeckt autoritär, ausbeuterische Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wird bisher nicht in Frage gestellt. Am augenfälligsten zu studieren an der Skandalgeschichte um das exklusive deutsche Landerziehungsheim „Odenwaldschule“. Die Lehrer hatten keinerlei Skrupel die sexuelle Ausbeutung der Schüler mit einem seltsamen pädagogischen Ethos zu rechtfertigen.
In kapitalistischen Gesellschaftssystemen wird dieser Zusammenhang noch weiter forciert. Aus zwischenmenschlichen Beziehungen soll Kapital geschlagen werden, im wahrsten Sinne des Wortes, wie an der zunehmenden Vermarktung von Kindheit zu sehen ist: Ein ausgeklügeltes Merchandising von Kindheit mit einer Vielzahl von Produkten soll die Kassen klingeln lassen. Das Kind als Konsument hat noch zu keiner Zeit eine so große Bedeutung erlangt. Kinderpsychologie ist zu einem erfolgversprechenden Element der Werbewirtschaft geworden.
Auf dem freien Bildungsmarkt sind vor allem private Schulen und private Kindertagesstätten für zahlungskräftige Eltern besonders attraktiv, die schon frühzeitig die spätere, möglichst erfolgreiche Berufskarriere des Kindes ins Auge fassen. Das Kind soll gesellschaftlich effizient und effektiv sein, ganz auf die Bedürfnisse der Erwachsenenwelt abgestimmt. Die anscheinende Anpassung an kindliche Bedürfnisse dient hier einzig und allein der Gewinnmaximierung.
Das Kind wird nicht als Individuum respektiert, sondern nur in Bezug auf einen speziellen Mehrwert für die Erwachsenenwelt. Das Kind als Lieferant für Waren, die der Bedürfnisbefriedigung erwachsener Menschen dienen. Ein Mehrwert des Kindes, der Liebe, Attraktivität, soziale Anerkennung, materiellen Gewinn …oder auch Sex verspricht. Und wenn das Kind nicht bereit ist diesen Mehrwert freiwillig, unkompliziert zu vermitteln, dann darf die Erwachsenenwelt diesen Mehrwert auch schon mal mit Gewalt einfordern; darüber herrscht ein Stilles einvernehmen oder ein nicht Wahr-Haben-Wollen, eine soziale Blindheit, denn was nicht sein darf, kann nicht sein.
Ausbeutung von Kindern in unseren westlichen Breitengaden gibt es offiziell nicht. Die sichtbarste Form von Ausbeutung, die Kinderarbeit ist verboten und moralisch verpönt. Die psycho-soziale Ausbeutung von Kindern ist kein öffentliches Thema. Eignet sich das Kind für diesen speziellen Mehrwert nicht, kann es ganz gefährlich, gar lebensbedrohlich werden. Das Kind ist für den Erwachsenen dann nur noch Last, ein Problem, das auch schon mal in der Mülltonne entsorgt wird. Die Diskussion um die Pränataldiagnostik (medizinisches Verfahren zur vorgeburtlichen Entdeckung von möglichen Krankheiten und Behinderungen), kann dazu nicht sprechender sein.
In dem Bericht über den Missbrauch in der Katholische Kirche von Pennsylvania wurde folgende Auflistung dargestellt. Eltern missbrauchter Kinder wurden mit Geld entschädigt, dafür das sie den Mund hielten und das Verbrechen still hinnahmen.

Ein Beleg für die vollkommen kritiklose Kapitalisierung sexueller Handlungen, wie er eindringlicher nicht sein könnte. Missbräuchliche Handlungen an Kindern mit Warencharakter. Nicht das verursachte seelische Leid, die psychische und körperliche Verletzung steht im Vordergrund, sondern der eingeschätzte materielle Wert der Handlung auf einem (tatsächlich existierenden) Markt der Bedürfnisbefriedung (Quelle der Grafik: ARTE Dokumentation)
Nur vor diesem Hintergrund sind gesellschaftliche Phänomene wie sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderprostitution und ein ungeheurer, weltumspannender Markt von Kinderpornografie zu verstehen. Das gesellschaftliche Verhältnis von Kindern und Erwachsenen ist ein ökonomisch geprägtes Machtverhältnis. Wir brauchen dringend eine politische und moralische Diskussion, die dieses Verhältnis kritisch reflektiert und hinterfragt. Die Missbrauchsskandale im kirchlichen Bereich sind hier nur ein Spiegel dieser Verhältnisse und in diesem Spiegel sollte sich die gesamte Erwachsenenwelt betrachten.
Diese Skandale im kirchlichen Bereich sind problematischer als in anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen, weil hier eine christliche Moral vorgibt es besser zu machen, weil hier einer gottgegebenen und nicht weltlichen Ordnung gedient werden soll, weil gerade hier Kinder vor Ausbeutung, Gewalt, Missachtung, Willkür, Unterdrückung und Demütigung geschützt sein sollten. Umso größer ist hier die Verantwortung, da christliche Kirchen anspruchsvoll Lebensorientierungen vermitteln wollen. Umso intensiver muss das System sexueller Ausbeutung von Kindern im kirchlichen Lebensraum zum öffentlichen Thema werden. Allerdings nicht mit der Absicht, allein Kirche und christliche Religion zu denunzieren. Vor allem innerhalb der römisch-katholischen Kirche wird darüber diskutiert in erster Linie mit innerkirchlichen Reformen auch dem Verbrechen der sexuellen Ausbeutung von Kindern zu begegnen. Doch diese Diskussion bleibt an der Oberfläche, sie greift zu kurz, weil die eigentliche Problematik anders gelagert ist. Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das uns hier, wie in einem Brennglas, vor Augen geführt wird. Nur wenn das beachtet wird, können wir für die Zukunft Kinder vor Ausbeutung und Misshandlung schützen.
Sehr aufschlussreich ein Beitrag zu diesem Thema vom ARD-Format „Report-München“. Der Beitrag bestätigt meine These. Dauer 8 Minuten.https://report-muenchen.br.de/2016/11197/sexueller-missbrauch-das-geschaeft-mit-minderjaehrigen-in-deutschland.html
Rolf-Michael Hilkenbach / Januar 2016

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