Es war im Jahr 1974 im Politikunterricht an einem Berufskolleg. Wir hatten eine sehr engagierte Politiklehrerin. In ihrem Unterricht hörten wir zum ersten Mal ausführlich von einem zentralen Ereignis in einem fernen Land. Es ging um den sehr gewalttätigen Militärputsch in Chile im September 1973.
Das Militär griff ein. Dadurch wurde eine vom Volk frei demokratisch gewählte Regierung abgesetzt. Dabei kam der ebenfalls frei gewählte Präsident des Landes zu Tode. Von diesem Ereignis hatten sicher einige von uns in den TV- und Radio-Nachrichten vor einem Jahr gehört. Vielleicht hatte der ein oder andere von uns auch etwas darüber in der Zeitung gelesen. Aber es blieb eine Geschichte, die sehr fern von uns war und wo das Bewusstsein um den aktuellen Gegenwartsbezug und unserem gesellschaftlichen Leben in Deutschland und Europa fehlte.
In den folgenden Wochen beschäftigten wir uns mit diesem Land Chile, mit den Begriffen Demokratie, Diktatur, Parlamentarismus, Sozialismus. Wir hörten von einem Mann, Salvador Allende, der sich für eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Land einsetzte. Er wollte, dass sich das Leben der sehr armen Menschen verbesserte. Diese Menschen verdienten ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft und in der Industrie. Sie sollten höhere Löhne bekommen, ihre Arbeitnehmerrechte sollten gestärkt werden. Gewerkschaften als Vertreter der Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen sollten fest in das wirtschaftliche Leben des Landes eingebunden werden. Dabei setzte er sich ein für einen Ausgleich der Interessen zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Klassen in der chilenischen Gesellschaft. Er bekämpfte seine politischen Gegner nicht. Stattdessen versuchte er, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sein Ziel war es, sie für eine gemeinsame Sache zu gewinnen. Diese gemeinsame Sache sollten der soziale Frieden innerhalb der Gesellschaft sein, Bürgerrechte und menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle Chileninnen und Chilenen.
Das alles beeindruckte mich damals sehr. Ich erkannte, dass diese entscheidende Phase in der Geschichte von Chile eng mit meiner Gegenwart verknüpft ist. Das war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Diese dramatischen Ereignisse in Chile waren beispielgebend für viele politische Prozesse in der Welt.
Aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Militärputsches (11. September 1973) erschien im Jahr 2023 eine aktuelle Biografie über den ehemaligen Präsidenten von Chile Salvador Allende.
Als ich im Radio davon hörte, folgte ich gespannt einem Interview mit dem Autor der Biografie, Günther Wessel. Diese Geschichte von Chile war in mir sofort wieder präsent. Natürlich musste ich mir das Buch unmittelbar besorgen. Und dieses Buch hat mich nicht enttäuscht, ein wichtiges und notwendiges Buch.
Schaut euch das Video an und ihr erfahrt mehr über mein Leseerlebnis!
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