hilkenbach

Jenseits von Grenzen und Zeit entfaltet sich unser Erbe. Entfessle die Kraft, erobere das Spiel der Imagination. Begleite uns auf der Suche nach einer anderen Frequenz von Wirklichkeit – einer Welt, in der Kreativität keine Grenzen kennt.


Meine Erinnerung, ein Nachruf: Tassilo Knauf

Wenn ein Mensch geht, der uns geprägt hat, bleibt mehr als Erinnerung – es bleibt ein inneres Echo, ein leiser Ruf, der uns weiter begleitet. Nicht als Stimme von gestern, sondern als Frage an das Heute: Was habe ich empfangen – und was gebe ich weiter?

Manchmal begegnet uns ein Mensch, der uns nicht nur lehrt, sondern uns erinnert, wer wir werden könnten.

Jetzt erst habe ich erfahren, dass mein Lehrer und Doktorvater PROF. DR. TASSILO KNAUF am 24.März 2023 verstorben ist. Er wurde 79 Jahre alt. Ich bin sehr betroffen von dieser Nachricht.

Lieber Tassilo, zehn Jahre meines Lebens hast Du mich begleitet: studieren, gemeinsames forschen, viele Gespräche. Stets hast du mich unterstützt, ermutigt, hast mir viel Freiheit im Lernen und in meiner Persönlichkeitsentwicklung eingeräumt. Dafür bin ich Dir auch heute noch unendlich dankbar! Ich hatte so viel nachzuholen. Und wenn es offensichtlich sein musste, kam auch Kritik und manchmal bekam ich „einen auf den Deckel“, wenn ich zu sehr die Dinge problematisierte, fachlich und bei privaten Angelegenheiten.

Du warst als Hochschullehrer ungewöhnlich, so ganz anders. Das war mit ein Grund, warum ich Dir vom ersten Semester an folgte. In Deinen Seminaren wurde nie nur Wissen vermittelt, immer ging es darum auf der Grundlage von Bestehendem Neues zu entdecken und das „Übliche“ in Frage zu stellen. Als Studierende und Forschende wurden wir aufgefordert selbstständig zu denken und neues Wissen zu generieren. Simples Lehrbuch-Wissen war nicht Deine Sache, wurde in Prüfungen auch nicht abgefragt, eher ging es darum selbstständig eine Frage zu entdecken oder ein Thema zu finden, das Dich überzeugen konnte. Studierende, die dem nicht folgen konnten oder nicht folgen wollten, wurden nicht selten schroff abgefertigt und Deine Haltung wurde dann ziemlich abweisend. Das war Deine andere (anspruchsvolle) Seite, die eine Zusammenarbeit nicht immer einfach machte. So habe ich Dich erlebt. Du warst absolut KEIN „Softie“! Für einige Studierende konntest Du auch plötzlich und ohne Vorwarnung die „Klatsche“ rausholen. Erschreckend, enttäuschend für Menschen, die Dich falsch eingeschätzt hatten.

Deine Themen, die immer wieder in Varianten aufs Tablett kamen: Der einzelne Mensch als Hauptakteur seiner Bildung, Entwicklung (oder auch Heilung). Der Pädagoge als Begleiter und Ermöglicher solcher Ich-Werdungs- und Bildungs-Prozesse. Ästhetik, Struktur (keine Beliebigkeit), Geschichte: Erfahrungs- und Lebensgeschichte dokumentieren, Erinnerung mit der Gegenwart verbinden, Lebensgeschichte entwickeln, dem Leben Sinn geben, wer war ich, wer bin ich, wer werde ich sein, wohin soll der Weg führen, für mich selbst, aber auch für die Gemeinschaft, in der ich lebe? und Lebendigkeit: Raum für das Tätig werden gestalten, solche Räume entdecken und ermöglichen, ganz konzentriert auf sich und eine Aufgabe bezogen und für ein Miteinander in Gruppe und Gemeinschaft.

Deine Methode: Etwas entdecken, sich darüber Gedanken machen und dann Handeln (analysieren, bewerten, Konsequenzen formulieren, etwas konkret Greifbares gestalten).

Dein Doktoranden-Kolloquium bei „Café Kötter“ war ein „jour fixe“ für Mindstorms. Hier kam eine kleine Gruppe von unterschiedlichen Menschen mit verschiedensten Interessen zusammen. Das entsprach Deinem Wesen: Immer offen für neue Perspektiven und interdisziplinäres Denken. Und Du wolltest diese Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Bei Kaffee und einem Stück Apfeltorte wurden Forschungs- und Erkenntnisprobleme diskutiert. Ach, wie sehr vermisse ich das!

Später konnte es schon mal vorkommen, dass wir uns im Intercity trafen. Spätnachmittags klingelte das Telefon: „Rolf, ich habe morgen einen Termin in Düsseldorf beim Kultusministerium. Wills du mit? „Ja, wo treffen wir uns denn?“ „Der Zug hält doch auch in Hamm, da kannst du zusteigen. Ich sitze im Speisewagen, da können wir dann zusammen frühstücken, wenn du das möchtest.“

Lieber Tassilo, ich bin traurig! Aber so ist unser weltliches Leben: Einmal geht es zu Ende! Es heißt, dass man sich Wiedersehen kann, in einem anderen Leben. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ob ich so etwas wirklich möchte. Sollte man nicht doch irgendwann etwas endgültig abschließen? Also: Ich möchte DICH gerne noch einmal sehen! Unbedingt!

„Der Lehrer ist nicht derjenige, der das Wissen gibt, sondern derjenige, der den Raum schafft, in dem Lernen möglich wird.“frei nach Carl Rogers

Tassilo Knauf, meine Erinnerung: Ein Lehrer, ein Begleiter, ein Ermöglicher!

Fotoquelle von Dialog Reggio e.V., https://reggio-deutschland.de

Rolf-Michael Hilkenbach / Mai 2023

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Fachvermittler für Kultur- und Geschichtspädagogik, Kurator für Narratives. Studium der Sozialpädagogik, Ästhetik und Kommunikation, Psychologie, Soziologie, Geschichte und Germanistik/Literatur

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