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Die Krönung des Königs – ein sakrales Ritual im 21. Jahrhundert

Die Krönung eines britischen Monarchen ist kein weltlicher Akt, sondern ein Gottesdienst. Seit über tausend Jahren wird in der Westminster Abbey ein Ritual vollzogen, das König und Nation in einen mystischen Bund führt. Die Kroninsignien, die auf dem Altar ruhen, sind stille Zeugen dieser sakralen Erhebung.

Am 6. Mai 2023 wurde Charles III. in einer feierlichen Zeremonie zum König von Großbritannien und Nordirland gekrönt – ein Ereignis von historischer Tragweite. Einzigartig in Europa und gerade deshalb ein herausragender historischer Moment. Die anglikanische Krönung ist kein bloßer Amtsantritt, sondern ein über Jahrhunderte gewachsenes, zutiefst religiöses Ritual. Es verbindet König, Volk und Nation in einem mystischen Bund unter dem Segen Gottes – eingebettet in einen Gottesdienst, geleitet vom Erzbischof von Canterbury, dem geistlichen Oberhaupt der anglikanischen Kirchengemeinschaft.

Ein Ritual mit Geschichte – und Wandel

Die Krönung folgt einem über tausend Jahre alten Ablauf, der traditionell in sechs Stufen gegliedert ist. Doch Charles III. wollte Zeichen setzen: Er strebte eine Modernisierung an, insbesondere bei der fünften Stufe – der Huldigung. Ich war gespannt, wie sich diese Balance zwischen Tradition und Gegenwart gestalten würde.

1. Die Anerkennung

Zu Beginn wird der König dem versammelten Publikum präsentiert. In alle vier Himmelsrichtungen wendet er sich, um symbolisch das gesamte Königreich zu grüßen. Mit lautem Zuruf bekräftigen die Anwesenden seine Legitimität – ein archaischer Akt kollektiver Zustimmung.

2. Der Eid

Ein Geistlicher der anglikanischen Kirche überreicht dem König die Bibel. Mit der Hand darauf schwört Charles III., die Gesetze, Traditionen und Institutionen des Landes zu achten. Die Bibel soll ihm dabei Richtschnur und Inspiration sein – ein Moment der Bindung an das geistige Fundament der Monarchie. Der König ist auch das weltliche Oberhaupt der anglikanischen Kirchengemeinschaft.

3. Die Salbung

Im Zentrum der Zeremonie steht die Salbung mit heiligem Öl – ein Akt, der den König zum „Christus Domini“, zum „Gesalbten des Herrn“ erhebt. Vorbild ist ein bedeutendes Ereignis der biblischen Geschichte: Die Salbung von Salomon, Sohn von König David, durch den Priester Zadok (1 Kön, 32-39). Siehe auch die Salbung Davids zum König von Israel durch den Propheten Samuel. Ein göttlicher Auftrag (1. Samuel 16,1-13). In Anlehnung an das Taufkleid trägt Charles ein schlichtes weißes Gewand. Abgeschirmt von Stellwänden, abgeschirmt von den Blicken der Öffentlichkeit, empfängt er in tiefer Demut das Salböl auf Händen, Brust und Haupt. Ein intimer Moment zwischen König und Gott, so wird es verstanden. Auch Königin Camilla legt in diesem Moment ihren Hermelinmantel ab – ein stilles Zeichen der Teilhabe an der sakralen Dimension des Amtes. Die Salbung wird durch den Erzbischof von Canterbury vollzogen und ist der wichtigste Moment der Krönung. Dem König selbst soll vor allem bewusstwerden, dass er sich stets gegenüber einer höheren Macht zu verantworten hat.

4. Die Investitur

Die Insignien der Macht – Krone, Zepter, Ring und Armreifen – werden auf dem Altar präsentiert. Nach einem Gebet überreicht der Erzbischof sie dem König. Die Krönung selbst gleicht einer symbolischen Vermählung: Mit dem Aufsetzen der Krone wird Charles III. in Amt und Würde bestätigt. Fanfaren erklingen, und der Ruf „God save the King“ erfüllt die Kirche.

5. Die Huldigung (Hommage)

Traditionell leisten Vertreter des Adels dem König persönlich den Treueeid. Dukes, Earls, Lords usw. treten – in prunkvollem Ornat gekleidet als Zeichen ihres Standes – einzeln vor den König und sprechen den Eid. Ein sehr langwieriges, zeitaufwendiges Verfahren. Charles III. wählte einen neuen Weg: Nur der Erzbischof und der älteste Sohn von Charles, Prinz William, sprechen den Eid stellvertretend. Dann richtet sich der Blick auf das Volk (und das ist neu): Alle Anwesenden – und via TV-Liveübertragung auch die Zuschauerinnen und Zuschauer im ganzen Land – werden eingeladen, laut oder still ihre Treue zu bekunden. Ein symbolischer Akt der Einbindung, der die Monarchie als gemeinschaftliches Band inszeniert.

6. Die Kommunion

Zum Abschluss empfängt der König das heilige Brot und den gesegneten Wein – ein stiller, spiritueller Moment, der die Krönung als Gottesdienst vollendet.

Die sechs Stufen der Krönung sind in diesem YouTube-Video
eindrucksvoll dokumentiert. Wer die sakrale Tiefe und den historischen Rahmen der Zeremonie erleben möchte, findet hier eine vollständige Aufzeichnung – mit den wichtigsten Momenten ab Minute 6:45.

⏱️ Zeitmarken für die sechs Stufen

Hinweis: Die Zeitmarken können je nach Quelle leicht variieren. Die hier angegebenen Zeiten orientieren sich an der offiziellen Übertragung.

StufeBeschreibungZeitmarke
1. AnerkennungCharles wird dem Volk präsentiert, Rufe „God save the King“00:06:45
2. Der EidCharles schwört auf die Bibel, geleitet vom Erzbischof00:18:30
3. Die SalbungSichtschutz wird aufgebaut, Salbung mit heiligem Öl01:09:10
4. Die InvestiturÜbergabe der Insignien, Aufsetzen der Edwardskrone01:22:40
5. Die HuldigungPrinz William kniet, kollektiver Eid des Volkes01:30:15
6. Die KommunionEucharistie mit Brot und Wein01:45:50

Foto der britischen Kroninsingnien: Illustrated magazine, 13 December 1952, p. 14. Copyright label: „CROWN COPYRIGHT RESERVED“ (no other labels or attributions). Foto Gemeinfrei

Rolf-Michael Hilkenbach / Mai 2023


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