
LESEEMPFEHLUNG! ! Im Jahr 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet. Ein bedeutender Markstein der deutschen Geschichte. Und bis in die Gegenwart immer wieder ein Thema. Vielleicht auch mal ein Anlass, sich mit der wohl prominentesten Person aus dieser Zeit zu beschäftigen: Kaiser Wilhelm II. Sein Ansehen ist, in unserer Gegenwart, sehr geprägt durch die Katastrophe des 1. Weltkrieges. Eine sehr einseitige Perspektive, die der historischen Realität nicht gerecht wird.
Eines der besten Bücher zur Person des Kaisers ist die Arbeit von dem Historiker Christopher Clark. Es ist vor allem gut lesbar. Sein Werk heißt: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers. Christopher Clark ist Australier und Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge. Er gilt als Experte für deutsche Geschichte im 19. Und 20. Jahrhundert. Gerade weil er kein deutscher Wissenschaftler ist, hat seine (Außen)Sicht auf die Dinge der deutschen Vergangenheit eine spezielle Relevanz. Er versucht betont sachlich, die Person des Kaisers ohne Vorurteile ins Auge zu fassen. Dabei kommt er zu ganz anderen Erkenntnissen. Diese sind viel differenzierter als die landläufige, oft sehr oberflächliche Diskussion um das Kaiserreich heute. Zum Beispiel betont Christopher Clark die Modernisierungsbestrebungen Wilhelm II. und er relativiert seine Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Das Deutsche Kaiserreich war eine konstitutionelle Monarchie. Das heißt: Der politische Handlungsspielraum des Monarchen wurde durch eine Verfassung geregelt und vor allem beschränkt. Das Deutsche Kaiserreich war keine absolutistische Monarchie, die einen Monarchen unbeschränkte politische Macht ermöglicht. Im Deutschen Kaiserreich gab es ein gewähltes Parlament, den Reichstag und den Bundesrat der Landesfürsten. Mit beiden Institutionen musste sich der Monarch auseinandersetzen.
Mit der Reichsgründung wurde auch die Position des Kaisers neu geschaffen. Hier gab es einige Besonderheiten. Diese machten es den drei Positionsinhabern nicht leicht, die neue Position aktiv mit einem sozialen und politischen Rollenspiel zu füllen. Die Bezeichnung „Reichsoberhaupt“ wurde bewusst vermieden. Nach außen war das Deutsche Kaiserreich zwar eine neu gegründete Nation. Innenpolitisch war es jedoch ein föderalistisch organisierter Bund souveräner Staaten. Diese hatten jeweils eigene Staatsoberhäupter und Regierungen. Das Staatsoberhaupt des Deutschen Kaiserreiches konnte deshalb nicht den Titel „Kaiser von Deutschland“ führen. Der Verfassung folgend war der Kaiser den Landesfürsten nicht übergeordnet, er sollte formal ein „Erster unter Gleichen“ sein. Der offizielle Titel lautete deshalb „Deutscher Kaiser“. Titel und Position ohne territorialen Anspruch. Vorrangig ein Symbol der Integration und der Repräsentation einer föderalistisch verfassten Nation. Die kaiserliche Krone wurde neu geschaffen. Sie war kein Erbe. Sie war ein Zeichen. Es war ein Versuch, Einheit aus Vielfalt zu formen. Es war auch ein Versuch, Macht aus Zerbrechlichkeit zu festigen.
Der Inhaber der kaiserlichen Position hatte keinen Anspruch auf direkte Herrschaft. Eine in vielen Bereichen sehr vage, unbestimmte und offene Position. So vage, dass der erste deutsche Kaiser, Wilhelm I., diese Position überhaupt nicht attraktiv fand und lieber „einfach“ nur König von Preußen bleiben wollte. Das hatte in seinen Augen mehr Glanz und Bedeutung.
Wilhelm II. versuchte nun diese Position in ihren Möglichkeiten auszuloten. Seine impulsive Persönlichkeit und sein aristokratisch-feudales Selbstverständnis kollidierten hier allerdings sehr unsanft und reizbar mit den legislativen und exekutiven Elementen der Staatsverfassung. Der kaiserliche Thron ist für ihn eine Bühne und eine Fessel zugleich. Die Rolle ist größer als der Spielraum, der ihm tatsächlich zur Verfügung steht. Das musste Kaiser Wilhelm II. erst entdecken und nicht selten wurde es ihm von außen unmittelbar in einem Spiegel vorgehalten.
Wilhelm II. war bei solchen Konflikten kein Diplomat. Er liebte die Kontroverse und Herausforderung, besonders während der Anfangszeit seiner Herrschaft. Jugendlicher Elan, er war bei der Thronbesteigung gerade 29 Jahre, traf sehr oft auf eine Altherren-Mentalität der Gründergeneration, die die politischen Fäden fest in der Hand behalten wollte. Besonders der Streit mit Reichskanzler Otto von Bismarck war Ausdruck eines Generationenkonflikts, und ein Versuch des Kaisers seine politischen Optionen zu durchforschen.
Die gesamte institutionelle Struktur des Kaiserreichs war ständig in Bewegung, wurde immer wieder neu verhandelt. Wilhelm II. wollte hier den Thron zu einer eigenständigen politischen Kraft entwickeln und die Möglichkeiten seines Rollenspiels weiter ausdehnen. Mit Bezug auf die Verfassung des Reiches sollte die kaiserliche Monarchie ein Garant für die Einheit des Reiches sein.
Die berühmte „Daily-Telegraph-Affäre“ hatte dem Kaiser klare Grenzen aufgezeigt, außenpolitisch hielt er sich von nun an vollkommen zurück. Wilhelm II. hatte bei einem privaten Englandaufenthalt an einem informellen „Kamingespräch“ mit mehreren Personen teilgenommen. Aus den Gesprächsbeiträgen des Kaisers wurde ein fiktives Interview für den Daily Telegraph konstruiert. Wilhelm II. war damit einverstanden, ohne den fertigen Text zuvor gelesen zu haben. Er tat dies wohlmeinend und mit bester Absicht. Es ging um die Verbesserungen der Beziehungen zwischen dem Britischen Empire und dem Deutschen Kaiserreich. Der Interview-Text wurde vom Reichkanzler Bernhard von Bülow Eins zu Eins zum Druck freigegeben, ohne nennenswerte Korrekturen. Die Veröffentlichung löste einen heftigen Skandal aus.
Immer an der Seite des Kaisers seine Ehefrau Auguste Viktoria, eine geborene Prinzessin von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Über das Leben der Kaiserin Auguste Viktoria hat Jörg Kirschstein eine sehr schöne Bildbiografie verfasst. Auguste Viktoria war im Kaiserreich bei der Bevölkerung sehr beliebt. Sie war in der Öffentlichkeit stark engagiert, mit stets großer Präsenz. Sie war sichtbar, aber nicht laut. Gegenwart in Gestalt, nicht in Streit. Fromm, konservativ, mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen. Ihr Glaube war fest, ihr Weltbild geordnet. Sie war keine Stimme der Veränderung, aber eine Hand der Fürsorge. Während des großen Krieges besuchte sie viele Lazarette und saß an den Betten der Verwundeten. Als sie starb, folgten ihrer Beisetzung in Potsdam Hunderttausende – nicht nur aus Pflicht, sondern aus Erinnerung. Insofern gehörte auch sie zu den besonders einflussreichen Personen der Monarchie im preußisch-deutschen Kaiserreich.
Derzeit wird darüber diskutiert, ob die Kaiserin einen Beitrag zum Untergang des Kaiserreiches leistete. Gemeint ist damit ihre konservative, antidemokratische politische Einstellung. Jörg Kirschstein nimmt in seinem Buch auf diesen Aspekt des geschichtswissenschaftlichen Diskurses allerdings nur am Rande Bezug. Ihm geht es mehr darum die Person Auguste Viktoria – als „First Lady“ des Kaiserreichs – in die Erinnerung zurückzurufen.
In meinem Video werden die Bücher von Christopher Clark und Jörg Kirschstein vorgestellt. Zwei Biografien der Geschichte. Und wir sollten uns fragen: Was zeigt sich, wenn wir die Oberflächen dieser Lebensläufe beim lesen berühren? Was bleibt, wenn wir die Blendung durch viel monarchischen Glanz zur Seite schieben? Hat sich dann die Sicht auf diese zwei Menschen verändert? Und wie ist es nun um unsere Wahrnehmung des Deutschen Kaiserreichs bestellt? Was hat uns die Staatsform Monarchie noch zu sagen? Die beiden Bücher laden ein zu einer Deutung, ohne zu erklären. Sie öffnen so einen Raum zwischen Mythos und Erinnerung.
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