hilkenbach

Jenseits von Grenzen und Zeit entfaltet sich unser Erbe. Entfessle die Kraft, erobere das Spiel der Imagination. Begleite uns auf der Suche nach einer anderen Frequenz von Wirklichkeit – einer Welt, in der Kreativität keine Grenzen kennt.


Meine subjektive Anmerkung zur Bundestagswahl

In Deutschland trägt das Demokratieverständnis feudalistische Züge. Man liebt den Beamtenadel, auf Lebenszeit in politische Ämter gewählte Personen. Personen, deren Sein vor allem durch ausdauerndes Aussitzen gekennzeichnet ist.  Auch wenn die lebenslange Wahl rechtlich nicht möglich ist, bemüht man sich in jeder Wahlperiode die gleichen Personen immer wieder in bestimmte Ämter zu wählen. Begründet wird das mit Kontinuität, Beständigkeit, Sicherheit. Auch wenn Personen ihre Ämter wechseln, sind es doch immer wieder die gleichen Personen, die zu einer Art Establishment gezählt werden, denen es formal zusteht solche Ämter einzunehmen.  Auf wirkliche Kompetenz für einzelne Ämter kommt es dabei nicht an. Es geht vor allem darum, ein Amt zu verwalten. Als der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier nach seinem Amtsantritt gefragt wurde, was sich nun für ihn ändern würde, gab er zur Antwort: „Ich werde ein paar Reden mehr halten müssen“.

Der Laden soll am Laufen gehalten werden.  Alles andere, ist unbedeutend. Die Mehrheit der Deutschen lieben den Bürovorsteher oder Büroleiter als Kanzler, Minister etc., grau in grau, in der Person nicht zu auffällig oder ungewöhnlich.  Charismatische Personen sind da eher unerwünscht. Bitte keine Personen, die Menschen für eine Idee mit viel Emotionen und persönlicher Präsenz begeistern können. Kurzfristig ist so etwas mal interessant.  So als eine Art politische Performance zur öffentlichen Unterhaltung. Aber dann verschwinden solche Personen schnell wieder in der Versenkung. Kommen solche ungewöhnlichen Ausreißer doch mal in Amt und Würden, werden sie in der Regel mit Häme und Missgunst verfolgt. Ihre sachliche Leistung ist dann vollkommen unbedeutend. Die Kritik und öffentliche Wahrnehmung, reibt sich an auffälligen Äußerlichkeiten. 

Die graue Eminenz wird schnell wieder hervorgeholt. Am liebsten mit mütterlichen oder mit väterlichem Habitus. Die „Mutter der Nation“ oder der „Vater der Nation“. Theodor Heuss, der erste deutsche Bundespräsident nach dem Krieg, ist vor allem auch als „Papa Heuss“ bekannt und die gegenwärtige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird selbst von eigenen Parteigenossen gerne als „Mutti“ betitelt: Die „Mutti-Kanzlerin“ oder „Mutti-Merkel“. Potenzielle Nachfolger (z.B. Armin Laschet) werden als „Enkel“ bezeichnet: Also ein Nachfolger der „Großmutter“ oder gar des „Großvaters“ (Ex-Bundeskanzler) Helmut Kohl.

In der deutschen Öffentlichkeit wird das keineswegs als peinlich empfunden, sondern als ein Ausdruck von Zuverlässigkeit und Souveränität. Die sogenannte konservative „Mitte“ des deutschen Volkes gefällt sich in einer infantilen Betreuungsmentalität. Diese Menschen wollen väterlich oder mütterlich betreut werden. Der Wunsch nach autoritärer Bevormundung zieht sich deshalb immer wieder durch unterschiedliche politische Diskurse. Fürsorglichkeit und Schlichtheit sind deshalb beliebt als staatstragende Attribute für deutsche Politiker. Leidenschaftslosigkeit ist gefragt. Modern, zeitgemäß zukunftsorientiert dürfen diese Personen auf alle Fälle nicht wirken, getreu der Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Stattdessen: Die Wiederholung des immer Gleichen und die Festigung des Bestehenden sind hervorstechende Elemente politischer Konzepte. Kontrovers kritische Diskussionen, sachbetonte inhaltliche Auseinandersetzungen sind bei der konservativen politischen Mitte der deutschen Bevölkerung unbeliebt. Gewählt wird daher gewöhnlich ein Parteienmix, Koalition genannt, wo weltanschauliche Unterschiede möglichst eingeebnet werden. Mehrheitsfähige Parteien entwickeln sich so zu einer fast unterschiedslosen Einheitspartei mit der Folge, das radikale Elemente der Politik-Szene gestärkt werden. Wählerinnen und Wähler sehen dann leider oft nur hier eine Alternative, um ihren Protest gegen einem reformunwilligen biederen, auf reinen Machterhalt ausgerichteten Politikmilieu Ausdruck zu verleihen…oder sie gehen gar nicht mehr wählen. Bei der jungen Generation gehört mittlerweile jeder Dritte zu den Nicht-Wählern. Die Gesichtslosigkeit und wirkliche Unterschiedslosigkeit der großen Parteien machen eine tatsächliche Wahl für sehr viele junge Bürgerinnen und Bürger fast unmöglich.

Man kann nur hoffen, dass es bei der Bundestagswahl 2021 zu einer Politikwende kommen wird. Diese Hoffnung scheint bestärkt zu werden: Der „Enkel“ Armin Laschet, Kanzlerkandidat der CDU/CSU, scheint immer mehr ins Abseits gedrängt zu werden. Bei öffentlichen Auftritten ist ihm die Öffentlichkeit wichtiger als die Nähe zum Volk. Und… er wirkt bei medialer Präsenz stets angespannt fixiert auf seinem Haupt-Konkurrenten Olaf Scholz (SPD), atemlos darum bemüht, diesen Mitbewerber um das Kanzleramt negativ zu diskreditieren. Arnim Laschet fehlt hier die einschläfernde und beruhigende Rhetorik der „Mutti-Kanzlerin“. Das kommt bei der behäbigen konservativen Mitte der Wählerschaft nicht gut an. Olaf Scholz, mit seiner vollkommen emotionslosen monoton ausdruckslosen Art, hat hier bessere Karten in der Hand, wahrscheinlich sogar den entscheidenden Joker. Da die SPD diesmal auf keinen Fall eine große Koalition mit der CDU/CSU eingehen wird, können wir mit einer Links-Koalition von SPD, Grünen und Linken rechnen. Ich würde das begrüßen!

Rolf-Michael Hilkenbach / September 2021


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One response to “Meine subjektive Anmerkung zur Bundestagswahl”

  1. Toller Beitrag und ganz wahr.
    Eine Rot Rot Grüne Reguetung würde ich auch begrüßen.
    Das Land braucht dringend einen Richtungswechsel!

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