Ich schrieb diesen Artikel zur Zeit der Pandemie. Es war die Zeit, in der selbst Blicke verdächtig wurden. In der Nähe zur Gefahr wurde und Masken nicht nur Schutz, sondern auch Bühne waren. Als The Weeknd im Video zu ‚Save Your Tears‘ seine chirurgische Maske trug, schien er nicht nur eine Figur zu spielen. Seine Darstellung spiegelte eine kollektive Erfahrung. Die Maske – einst Symbol der Täuschung – wurde zur Eintrittskarte in die Öffentlichkeit. Doch je länger sie getragen wurde, desto mehr verschwamm die Grenze zwischen Schutz und Selbstverleugnung.
„Aber mein Gefühl zu Beginn des ersten Lockdowns war, dass sich die Menschen nicht einmal mehr anschauten. So als ob schon ein Blick ansteckend sein könnte. So als ob man seine Emotionen voreinander verbergen müsste, weil auch sie Infektionspotential haben. Emotionen können in der Tat ansteckend sein“
(Susanne Schmetkamp, Philosophin)
„Aber im Unterschied zu anderen Krisen, die Nähe erzwingen – denken wir an das Zusammenrücken im Bunker -, erzwingt die gegenwärtige Situation Distanz. Empathie gedeiht in Nähe, nicht in Distanz“
(Bernhard Schlink, Schriftsteller)
The Weeknd ist der Künstlername des kanadischen Sängers Abel Makkonen Tesfaye. Im Jahr 2020 hatte er einen großen Erfolg mit dem Song „Blinding Lights“. Mitte Dezember 2020 wurde das Lied „Save your Tears“ veröffentlicht. Es war die vierte Auskoppelung aus dem sehr ambitionierten Album „After Hours“. Passend dazu gibt es ein Video. „After Hours“ ist ein künstlerisches Konzeptalbum. Das verbindende Thema der Lieder: seelische und körperliche Verletzungen, die sich Menschen zufügen können. Die Stimmung der Songs ist dunkel. Die Musik referiert den Synthie-Pop der 80er Jahre: Zurzeit in der Pop-Musik sehr angesagt.
Die Handlung des Videos spielt in einer Bar mit Showbühne. Die Personen im Publikum tragen Masken. Weeknd selbst trägt einige Kunststoffprothesen im Gesicht, die den Eindruck einer plastischen Chirurgie erwecken. Dieses Video sorgte für viel Aufmerksamkeit und Diskussion in der Öffentlichkeit. Hatte The Weeknd sich tatsächlich einer kosmetischen Gesichtsoperation unterzogen? Die Verwirrung wurde noch durch seinen verstörenden Auftritt bei den American Musik Awards verstärkt. Hier sah man ihn mit einem vollkommen verbundenen Kopf. Die Gerüchteküche blühte.
Das authentische Selbst wird versteckt hinter einer Maske. Der Zwang zur Selbstoptimierung lässt das reale Ich zugunsten einer Inszenierung verschwinden. Die natürliche Individualität wird zur Gefahr, wenn sie freigelegt wird, unberechenbar, nicht kontrollierbar. Eine anscheinende Angst sich dem realen Ich zu stellen, bestimmt offenbar die Atmosphäre. Sich selbst zu lieben, so wie man ist, scheint unmöglich zu sein. Menschen werden füreinander zur Gefahr, wenn sie sich unbedeckt begegnen. Die Maskierung selbst erscheint als neue soziale Normierung, die Begegnung ermöglichen soll, bei gleichzeitiger sozialer Distanz. Doch die mangelnde Authentizität wirkt stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen entgegen. Was bleibt, ist die Einsamkeit.
„Du hättest mich fragen können, warum ich dein Herz gebrochen hab.
Du hättest mir sagen können, dass du daran zerbrochen bist.
Aber du bist an mir vorbeigelaufen, als wäre ich nicht da
und du hast einfach so getan, als wäre es dir egal.
„Ich ließ dich glauben, dass ich immer bleiben würde.
Ich sagte manche Dinge, die ich niemals sagen sollte.
Ja, ich habe dein Herz gebrochen, so wie jemand meins gebrochen hat.
Und jetzt wirst du mich kein zweites Mal lieben“.
Die Performance erinnert stark an Michael Jackson, der durch zahlreiche Operationen sein Gesicht bis zur Maskenhaftigkeit veränderte. Ein Versuch, der eigenen Vergangenheit durch äußerliche Veränderung zu entfliehen. Oberflächliche Veränderung statt tatsächlicher Entwicklung?
Ebenso der, in der 80er Jahren sehr erfolgreiche Schauspieler Mickey Rourke. Kosmetische Operationen – Liftings, Hyaluron- und Botoxbehandlungen – veränderten seinen Typ vollkommen. Auch ein Problem mit dem Selbstbild und der persönlichen Identität.
Der berühmte Modedesigner Manfred Thierry Mugler veränderte vollkommen sein Aussehen, nach einem Sportunfall. Sein Vorbild: eine Marmor-Skulptur von Arno Breker. „Du musst im Leben wissen, was du willst, wo du hin willst und wer du werden willst […] dann kannst du mit der richtigen Hilfe mit deinem Körper machen, was du willst!“ (Mugler in einem Interview mit der Zeitschrift „Gala“). Das natürliche Ich, nichts weiter als eine Disposition. Maskierung, die neue Authentizität?
Dem Sänger im Video wird ein Sektkübel wie ein Preis überreicht, als Belohnung für das gelungene Bühnenspiel. Eine Trophäe, die der Sänger demonstrativ zurückweist. Er will diese Anerkennung nicht! Er trinkt aus einer Sektflasche und spukt das Publikum an. Zum Schluss des Videos, bittet The Weeknd eine Frau aus dem Publikum ihn auf der Bühne zu erschießen. Letztendlich setzt er sich den Revolver selbst an den Kopf. Das Ich soll restlos ausgemerzt werden. Die maskierte Erscheinung, eine Illusion, soll ungestört ihre Wirkung entfalten können. Ein grausames Schauspiel, das Aufmerksamkeit bringt, jedoch nichts als Inszenierung ist. Aus dem Revolver kommt „nur“ eine Wolke Konfetti.
Die Corona-Pandemie ist nun vorbei. Die Masken sind gefallen und es bleibt die Frage: Haben wir uns selbst wiedererkannt – oder nur eine neue Rolle angenommen? Was ist geblieben von der Maskierung? Eine Warnung vor zu viel Nähe?
Die Regeln der Pandemie – soziale Distanz, Maskierung, das Verbot der Gruppenbildung – waren nicht nur medizinische Maßnahmen. Sie wirkten wie ein kollektiver Spiegel, der uns zwang unser Miteinander neu zu betrachten. Nähe wurde zur Ausnahme, das Gesicht zur verborgenen Zone. In dieser Zeit wurde die Maske zur Bühne, das Schweigen zur Inszenierung.
Der enorm starke Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen in Teilen der Gesellschaft war eine Reaktion auf eine dahinterstehende Aufforderung. Selbstverständliche Gewohnheiten des sozialen Lebens und das soziale Rollenspiel sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Eine kraftvolle Abwehr gegenüber möglichen Veränderungen? Eine Beibehaltung der gewohnten Oberflächlichkeit? Oder alternativ eine neue geistige Durchdringung des Lebens? Und es ging um die Verantwortung des Einzelnen für das Große und Ganze. Was konnte da helfen? Das alles war auch eine Anfrage an die Achtsamkeit. Es war eine Anfrage an das Vertrauen. Ebenso war es eine Anfrage an die Solidarität und an einen offenen Geist für die Liebe. Und es wurde mehr als deutlich: Dieses menschliche Leben muss behütet werden! Es ist uns zur Verantwortung in die Hände gelegt.
Was bleibt ist die Frage: Haben wir gelernt uns selbst und andere anders zu sehen? Oder hat uns die Distanz entfremdet – nicht nur voneinander, sondern auch vom eigenen Ich? Ich finde, The Weekend inszeniert diese Spannung zwischen Selbstoptimierung und Selbstverlust mit einer verstörenden Klarheit. Die Konfettiwolke am Ende des ersten Videos ist ein groteskes Finale und entlarvt die Illusion. Vielleicht war die Zeit der Pandemie nicht nur eine Zeit der Isolation, sondern auch eine Einladung zur Reflexion. Wer sind wir wenn die Masken fallen?
Rolf-Michael Hilkenbach / Februar 2021 / Ergänzt und Überarbeitet Oktober 2025
(Zitate: Susanne Schmetkamp, Bernhard Schlink: Die Grenzen der Einfühlung. Ein Gespräch. In: Philosophie Magazin, Nr. 02/2021, S. 37 und zwei Zitate aus dem Liedtext „Save your Tears“ von Abel Makkonen Tesfaye.)

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