
Manchmal stolpert man über eine Frage, die man längst für beantwortet hielt. So ging es mir wieder einmal erneut in einem Gespräch über die Sinnhaftigkeit des Kirchenjahres und der christlichen Festtage, speziell dem Pfingstfest. Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, und die Dreifaltigkeit Gottes: ein Glaubensbild, das mich mein ganzes Leben selbstverständlich begleitet, aber selten wirklich erklärt werden will. Also habe ich versucht, neu zu formulieren, was mir daran wesentlich erscheint.
Anlass zu diesen Überlegungen bot eine Frage, wie die Dreifaltigkeit Gottes (drei Personen in einer Wesenseinheit) einem Nicht-Christen erklärt werden könnte.
Das sehr bekannte Bild dazu stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde von Andrej Rublev gemalt. Eine Kopie von diesem Bild auf einer Holzplatte bekam ich zur Erinnerung an meine Erstkommunion geschenkt. Insofern ist es auch ein Thema, das mich seit meiner Jugend auf die ein oder andere Weise immer wieder beschäftig hat und sei es auch nur, wenn ich auf dieses Bild schaute, das neben meinem Bett an der Wand hing.
Zuerst: Der Glaube an einen dreifaltigen Gott ist kein mathematisches Rätsel („3″=“1“), sondern eine Erfahrungsformel:
- Gott über uns (Vater)
- Gott mit uns (Sohn)
- Gott in uns (Geist)
Augustinus von Hippo (Bischof und Kirchenlehrer) erklärt die Dreifaltigkeit Gottes so: Überall da wo die Liebe ist, gibt es einen Liebenden, einen Geliebten und eine Quelle der Liebe, also eine Quelle der personalen Anerkennung, Zuneigung und der Wunsch nach Bindung.
- Gott ist nicht ein einsamer Monolith.
- Gott ist Beziehung, Bewegung, Leben.
- Gott ist Liebe, und Liebe ist immer relational.
Tatsächlich wäre hier die Quelle der Liebe, die Beziehung. Beziehung ist nicht unabhängig von den Subjekten, aber ihrem Wesen nach eigenständig. Ein Phänomen, das sich ereignet. Im allgemeinen sprechen wir davon, dass Beziehung hergestellt wird oder hergestellt werden muss. In Wirklichkeit öffnen wir uns einem Geschehen, entwickeln die Bereitschaft für ein Ereignis. Die gelingende Beziehung verbindet isolierte Individualitäten zu einer Ganzheit, ohne die Individualitäten in ihrem Sein zu negieren oder gravierend zu beeinträchtigen. In diesem Beziehungsgeschehen ereignet sich Veränderung in Form von Entwicklung. Denn: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Wir können in diesem Moment von Leben sprechen. Es ereignet sich Leben. Den Heiligen Geist – die dritte Person Gottes – können wir in diesem Zusammenhang als wirkende Beziehung sehen. Das Pfingstfest, als Fest des Heiligen Geistes, ist nicht das Fest eines „Dritten Gottes“, sondern das Fest des Beziehungsereignisses, das Menschen verbindet, befähigt, verwandelt. Der Heilige Geist ist nicht ein „Ding“, sondern ein Wirken, eine Beziehungsdynamik. So können Gottvater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger-Geist eigenständig sein, in ihrer Ganzheit aber eine dynamische Einheit bilden. Das Wesen Gottes, das Wesen der Dreifaltigkeit ist – in diesem Sinn – liebende Beziehung. Letztendlich ein Beziehungsgeheimnis!
- Der Vater ist die Quelle der Liebe.
- Der Sohn ist der Empfangende und Antwortende der Liebe.
- Der Geist ist die Beziehungswirklichkeit, die beide eint und zugleich über sich hinaus öffnet.
🕊️ Eine kurze Pfingstmeditation
Pfingsten ist der Moment, in dem etwas Unsichtbares Gestalt annimmt. Nicht als Beweis, nicht als Dogma, sondern als Erfahrung: Beziehung beginnt zu leuchten.
Wenn wir von Gott als liebender Beziehung sprechen, dann sprechen wir zugleich von uns.
Denn jede Beziehung, die gelingt, trägt etwas von diesem göttlichen Atem in sich –
nicht als Besitz, sondern als Möglichkeit.
Pfingsten erinnert uns daran, dass Beziehung nicht gemacht wird wie ein Werkstück,
sondern geschieht, wenn wir uns öffnen.
So wie der Geist nicht erzwungen werden kann,
sondern uns findet, wenn wir bereit sind, gefunden zu werden.
Vielleicht ist das der tiefste Trost dieses Festes:
Dass wir nicht aus eigener Kraft zu einer Ganzheit werden müssen.
Dass das, was uns verbindet, größer ist als das, was uns trennt.
Dass Veränderung nicht Bedrohung bedeutet,
sondern Wachstum – ein Werden, das uns in unser eigentliches Sein führt.
Der Heilige Geist ist dann nicht mehr ein fernes theologisches Konzept,
sondern das stille Ereignis,
in dem wir einander erkennen,
einander Raum geben,
einander Leben ermöglichen.
Und so wird die Dreifaltigkeit nicht zur abstrakten Formel,
sondern zu einem Bild für das, was wir selbst ersehnen:
gesehen zu werden,
geliebt zu werden,
verbunden zu sein.
Vielleicht beginnt Pfingsten genau dort –
wo wir uns erlauben,
dass Beziehung uns verwandelt.
Rolf-Michael Hilkenbach / Mai 2018 / ergänzt und überarbeitet am Pfingstfest im Mai 2026

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