hilkenbach

Jenseits von Grenzen und Zeit entfaltet sich unser Erbe. Entfessle die Kraft, erobere das Spiel der Imagination. Begleite uns auf der Suche nach einer anderen Frequenz von Wirklichkeit – einer Welt, in der Kreativität keine Grenzen kennt.


Kulturgeschichte Fernsehen – Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent BERENGAR PFAHL

Haltung sichtbar machen:
„Ich will an etwas erinnern, etwas anrühren, das in uns schlummert“. 
Im Video: Berengar Pfahl bei der Arbeit

Berengar Pfahl wurde am 1. Mai 1946 in Mülheim geboren.  Ein „Kind des Ruhrgebiets“ wie die FAZ in einem Nachruf betonte. In Düsseldorf studierte er Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Er entschied sich, nicht Lehrer zu werden. Nach einem kurzen Volontariat bei den Städtischen Bühnen Wuppertal entschied er sich für einen anderen Weg. Er wählte den Beruf des Regisseurs und Filmproduzenten beim WDR in Köln.   Seine Film- und Fernsehkarriere begann 1973 mit sechs Kurzfilmen für die „Sendung mit der Maus“.  In vierzig Jahren war er an über 200 Filmproduktionen beteiligt.

Sein Interesse als Drehbuchautor und Produzent galt vor allem den gesellschaftlichen Entwicklungen.  Hier war Berengar Pfahl stark beeinflusst von der 68er Bewegung. Und er wurde auch durch die gesellschaftlichen Reformbewegungen der 70er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts geprägt.

 Berengar Pfahl war in seiner Arbeit stets politisch engagiert. Immer wieder widmete er sich in seinen Filmprojekten dem Thema Jugend und junge Erwachsene.  Gerade in den 70er Jahren vollzogen sich im Lebenszuschnitt der jungen Generation gravierende Veränderungen.  Berengar Pfahl hat diese Entwicklungen erzählerisch dokumentieren. Sein Fokus lag dabei auf dem Alltagsleben. Seine Geschichten über das Erwachsen-Werden sind Aller-Welt-Geschichten. Er schilderte eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er schaute nur genauer hin und das machte sie spannend.

In seinen Filmen zeichnete er eine „Generation unterwegs“. Junge Menschen machten sich bewusst auf die Suche nach neuen Lebenszuschnitten. Durch die Wechselfälle des Lebens und den Verlust von sicheren Orientierungen wurde sie auf neue Wege gedrängt.  Gerade der Realismus dieser Filme macht sie heute noch interessant.  Nach einigen Kurzfilmen für das Kinder- und Jugendfernsehen war sein großer beruflicher Durchbruch im Jahr 1977. Die Serie „Britta“ brachte ihm den Erfolg.

Der Film „Britta“ erzählt aus dem  Leben einer 18jährigen, die ungewollt schwanger wird.  „Britta“ war ein sehr großer Erfolg. Es war der erste Film aus dem Jugendprogramm der ARD, der Aufgrund der großen öffentlichen Resonanz, auch im Abendprogramm des Fernsehens wiederholt gesendet wurde. Bis heute genießt „Britta“ geradezu einen Kultstatus. In seiner speziellen Machart hatte Berengar Pfahl mit diesem Film das Lebensgefühl der 70er Jahre eingefangen und damit Fernsehgeschichte geschrieben.  Er hatte für den Film nur einen sehr geringen Etat. Das Projekt musste in acht Wochen abgeschlossen sein.  Trotz alledem gelang es ihm, mit diesen beschränkten Mitteln, einen innovativen und sehr unterhaltsamen Film über junge Menschen zu drehen.

 Bevor er anfing das Drehbuch zu schreiben, führte er mehrere Interviews mit 17-19jährigen. Die Erfahrungen aus diesen Interviews gingen in die Gestaltung des filmischen Szenarios ein. So gelang es ihm, zwei Fernseh-Formate kreativ miteinander in Beziehung zu setzen: Die „fiktive Filmerzählung“ und „die Dokumentation“. Um so authentisch wie möglich zu sein, besetzte er die Rollen mit vielen Laiendarstellern. Auch junge Schauspieler wurden engagiert. Sie waren entweder noch in der Ausbildung oder hatten gerade erst ihre Schauspielausbildung abgeschlossen. Oft waren sie noch auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg.

Die Hauptrolle spielte Verena Plangger, die später auch in anderen Projekten von Berengar Pfahl mitwirkte.

Nach der Erstsendung von „Britta“ geschah etwas sehr Erstaunliches. Die Zuschauer verlangten immer wieder nach Wiederholungen. In unzähligen Briefen an den NDR stellten die Zuschauer Fragen nach dem Verbleib von Britta. Sie wollten auch mehr über ihr weiteres Leben als junge Mutter wissen.  Noch acht Jahre später wurden die Fragen nicht weniger. So entschied sich Berengar Pfahl, eine Fortsetzung zu schreiben, „Neues von Britta“ 1985.  Auch hier betrat er mediales Neuland. Britta konnte nach acht Jahren nicht mehr dieselbe sein und so schrieb er die Fortsetzung als Entwicklungsgeschichte. Das hatte es zuvor im Fernsehen nicht gegeben. „Neues von Britta“ wurde ebenfalls zu einem großen Erfolg. Verena Plangger, die Hauptdarstellerin, wird bis heute mit dieser Rolle identifiziert.

Trailer mit Ausschnitten aus „Britta“ und „Neues von Britta“

Nach dem Erfolg mit „Britta“ beschäftigte sich Berengar Pfahl unter anderem  mit dem Verhältnis der jungen Generation zur deutschen Geschichte. In „Jerusalem, Jerusalem“ (1978) wird die Beziehung zu Israel und zum Judentum zum Thema.

In „Zwei oder was sind das für Träume“  (1980) geht es um die Beziehung von junger und älterer Generation. Trotz vieler Gegensätze verbindet beide etwas. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. In den ausgehenden 70er Jahren wurde es immer mehr zu einem zentralen gesellschaftspolitischen Thema.

In „Sterne des Südens“ (1990) geht es um eine Gruppe junger Animateure. Sie sind für eine Reisegesellschaft an unterschiedlichen Urlaubsorten tätig. Das Ideal, Arbeit mit Urlaub an exotischen Orten zu verbinden, steht im Kontrast zu den Problemen der Tourismuswirtschaft. Außerdem wird das Geschäftsgebaren der Reiseunternehmen zum „störenden“ Problem.

In der – mit vielen Preisen ausgezeichneten – Fernsehserie „Tanja“ (1997-2000) erzählt Berengar Pfahl die Geschichte einer 17jährigen. Sie hat alles, was sich ein junges Mädchen nur wünschen kann. Tanja hat aber ihren eigenen Kopf und will sich nicht nach anderen richten, sie möchte ihren ganz eigenen Weg gehen. Am Beispiel von „Tanja“ zeigt er das Heranwachsen der ersten Post-Ost-Generation nach dem Mauerfall. Ebenso wie „Britta“ hat die Serie „Tanja“ nach fast zwanzig Jahren immer noch eine große Fangemeinde.  Er erklärte einmal in einem Interview mit der taz das Konzept dieser Serie. „Der Actionfilm stellt ständig Fragen wie ‚Springe ich jetzt in diesen Abgrund oder nicht?‘ Ich hingegen möchte Tanja an Situationen heranführen, in denen dann eine Haltung, die Haltung des Teams, sichtbar wird. Ich will an etwas erinnern, etwas anrühren, das in uns schlummert. Da entsteht dann wohl so etwas wie eine Message – oder nennen wir’s doch einfach mal Inhalt“.

Für die Action-Serie „Offroad tv“ (2001) entwickelte er ein ganz neues und ungewöhnliches Konzept. In der Serie geht es um ein Reporterteam des Senders „Offroad TV“. Die Reportagen der Reporterteams wurden nicht nur im Fernsehen gezeigt, sondern auch auf einer eigenen Website im Internet. Fernseherzählung und Internet wurden zu einer eigenen Form von fiktiver und virtueller Realität verknüpft. Drei Millionen Zuschauer sahen diese Serie im Vorabendprogramm.

In späteren Jahren interessierte sich Berengar Pfahl für die Entwicklungen in der Volksrepublik China (VR). Er verfilmte einen sehr erfolgreichen Roman der chinesischen Autorin Zhou Wie Hu, der in China verboten wurde: „Shanghai Baby“.

Mit seiner Produktionsfirma Berengar-Pfahl-Film GmbH unterstützte er Filmprojekte in Sri Lanka und im Senegal.

Sein letztes Projekt war der Fernsehmehrteiler und Kinofilm „Die Männer der Emden“ (2013). Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Berengar Pfahl entdeckte die Geschichte des deutschen Kreuzers „SMS Emden“ bei Arbeiten in Indonesien. In schönen Bildern zeigt er eine exotische Welt. Die Bilder sind für die Kritik zu schön und zu sauber. Mit opulenter Ausstattung und perfekten Kostümen wird diese Welt dargestellt. Sie fliegt mit dem Ersten Weltkrieg buchstäblich auseinander. „Die Männer der Emden“ war nicht als Antikriegsdrama gedacht. Berengar Pfahl sah diese Geschichte als eine Möglichkeit deutsche Mentalität zur Zeit des ersten Weltkrieges im Ausland zu spiegeln.

Am 14. März 2015 verstarb Berengar Pfahl im Alter von 68 Jahren. Er starb unerwartet und plötzlich in seinem Haus in Haan bei Düsseldorf. Viele unerledigte Projektideen lagen noch auf seinem Schreibtisch.

Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich das Deutsche Fernsehen zu einer Retrospektive der Arbeit von Berengar Pfahl entschließen könnte. Eine Edition seiner Arbeiten auf DVD/Blueray wäre denkbar. Zurzeit,  sind nur die Filme „Britta“ und „Jerusalem, Jerusalem“ auf DVD erhältlich.

Das nun folgende Video zeigt noch einmal Berengar Pfahl mitten in der kreativen Arbeit als Regisseur. Er ist konzentriert, umgeben von Kameraequipment und den Schauspielern. Er hat einen klaren Blick für die Szene. Ein Moment, der seine Leidenschaft für das Erzählen authentischer Geschichten wunderbar einfängt. Er versucht die Schauspieler in die Geschichte hineinzuziehen so das ihre gespielten Charaktere im hier und jetzt an Realität gewinnen. Er fordert Verena Planger auf, aus ihrer Rolle herauszutreten. Sie soll auf die Frage antworten, wie sie in der letzten Nacht geschlafen hat. Auch soll sie sagen, wie es um ihre Stimmung bestellt ist.

Das nächste Video zeigt den Trailer zu dem Spielfilm „Die Männer der Emden“.

 Rolf-Michael Hilkenbach / April 2018


Entdecke mehr von hilkenbach

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.



Kommentar verfassen

Entdecke mehr von hilkenbach

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen