
Wenn das US-amerikanische „People Magazine“ am Ende eines Jahres den „Sexiest Man Alive“ kürt, wirkt dies zunächst wie ein harmloses Ritual der Populärkultur: ein Titel, ein Cover, weltweite Aufmerksamkeit. Seit Mitte der 1980er-Jahre wird diese Auszeichnung vergeben; 2016 fiel die Wahl auf Dwayne Johnson. Doch kulturgeschichtlich ist an diesem Format mehr bemerkenswert, als sein Boulevardcharakter vermuten lässt. Der Mann erscheint hier ausdrücklich als Objekt einer lustvollen, erotisch aufgeladenen Betrachtung – in einer Rolle also, die lange vor allem Frauen zugewiesen war. Damit markiert der „Sexiest Man Alive“ nicht nur eine Inszenierung männlicher Attraktivität, sondern auch einen Wandel der Geschlechterbilder. Tatsächlich handelt es sich hier auch um eine Emanzipation des Mannes von konservativen Rollenvorbildern. Die fotografische Darstellung des Mannes als Pinup ist im gesellschaftlichen Mainstream angekommen.

Foto: Credit Alamy Lizenz

Das Video zeigt anschaulich die ironische Selbstinszenierung als männliches Pinup
Pinups sind Bilder, die einen Einblick auf den menschlichen Körper gewähren und dabei dessen sexuelle Attraktivität in besonderer Weise inszenieren. Nacktheit beziehungsweise das Unbekleidet-Sein des Modells kann dabei eine Rolle spielen, ist jedoch kein entscheidender Faktor für die öffentliche Bildrezeption. Pinups enthüllen den menschlichen Körper, aber niemals vollständig. Die Darstellung vollständiger Nacktheit ist für die meisten Pinups eher unüblich. Im Kontext gesellschaftlicher Werte und Normen können Pinups als „anstößig“ beurteilt werden, jedoch in der Regel nicht als „unanständig“. Bei dieser Art von Fotografie geht es vielmehr darum, die Fantasie anzuregen. Es handelt sich um ein Spiel mit imaginierten Bildern und Vorstellungen im Kopf des Betrachters. Wahrscheinlich macht gerade dies den besonderen Reiz dieser Bilder aus. Das Potenzial des visuell Möglichen wird dadurch vielfältig erweitert und den individuellen Bedürfnissen des Betrachters angepasst. Der Fantasie werden keine Grenzen gesetzt. Pinups zielen auf die Schaulust des Betrachters.
Pinups reduzieren die dargestellte Person auf ihre körperliche Attraktivität. Besondere Fähigkeiten, Beruf oder sozialer Status spielen für die Abbildung keine zentrale Rolle. Werden bereits bekannte Personen als Pinups inszeniert, dient ihr Bekanntheitsgrad – ihre Popularität – lediglich als zusätzlicher Faktor der gewünschten Aufmerksamkeit.
Das Wort Pinup verweist auf den Gebrauchswert und den Entstehungshintergrund dieser Bildgattung. Es handelt sich um Fotografien, die man locker an eine Wand heften kann, die massenhaft reproduziert werden und ein sehr großes Publikum erreichen. Damit dies möglich ist, müssen diese Bilder in weitverbreiteten illustrierten Zeitschriften abdruckbar sein. Der Freizügigkeit der Darstellung sind daher Grenzen gesetzt. Die bildliche Inszenierung muss sich weitgehend im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen bewegen und darf die Grenze zur Pornografie nicht überschreiten.
Das Hauptmotiv von Pinups sind traditionell Frauen, und die vorrangige Zielgruppe der Fotos sind Männer – jedoch nicht ausschließlich. Einige berühmt gewordene Pin-up-Modelle konnten auch für Frauen zu attraktiven Vorbildern von Weiblichkeit und selbstbewusster Erotik werden.
Besonders en vogue wurden Pinups während des Zweiten Weltkriegs bei US-amerikanischen Soldaten. Sie hefteten die Fotos häufig an die Innenseite ihrer Spinde.
Pinups wurden insbesondere als herausnehmbare Faltblätter, als Beilagen populärer Illustrierter und Magazine sowie als massenhaft produzierte Fotokarten verbreitet. Sie durften daher keinen ausdrücklich pornografischen Charakter haben, da sie sonst unter die Zensur gefallen wären und eine öffentliche Verbreitung in diesem Ausmaß nicht möglich gewesen wäre. Ihre Ästhetik musste so gestaltet sein, dass sie ohne Weiteres von jedermann betrachtet werden konnten, ohne dass damit sofort eine negative moralische Stigmatisierung verbunden war.
Wie bereits erwähnt, sind die Hauptmotive von Pinups besonders attraktiv inszenierte Frauen. Bis zum Beginn der 1970er-Jahre waren es nahezu ausschließlich Frauen. Zu den ersten sehr berühmt gewordenen Modellen fotografischer Pinups zählten der Hollywoodstar Betty Grable und das Fotomodell Bettie Page. Ihre fotografische Inszenierung als Pinup wurde zum Vorbild für viele nachfolgende Pin-up-Produktionen.
Fotografische Pinups zeigen Frauen auf Augenhöhe mit dem Betrachter, selbstbewusst in Szene gesetzt. Romantik, Verspieltheit oder naiver Charme spielen für die Darstellung eher eine sehr untergeordnete Rolle.

Im Zuge der Frauenemanzipation der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre veränderte sich der Blick auf Pinups grundlegend. Auf der einen Seite entstand innerhalb der Frauenbewegung eine sehr kritische Diskussion: Pinups wurden wegen der objekthaften Darstellung von Frauen grundsätzlich abgelehnt. Auf der anderen Seite wurde zunehmend betont, dass auch Frauen ein Recht auf das lustvolle Betrachten des männlichen Körpers hätten. Bis zu diesem Zeitpunkt war die öffentliche Darstellung des männlichen Körpers als Pinup ein Tabu. Zwar gab es bereits früher männliche Filmstars wie Rudolph Valentino, Errol Flynn und Clark Gable, die auch wegen ihrer erotischen Wirkung auf Frauen fotografisch in Szene gesetzt wurden; dabei stand jedoch stets die Filmdarstellung im Vordergrund. Die Fotografie blieb eher ein Nebenprodukt und verließ den konventionellen Rahmen weitgehend nicht. Die öffentliche Darstellung männlicher sexueller Attraktivität galt als unangemessen. Männer in der öffentlichen Fotografie mussten stets von einer gewissen Aura der Autorität und des Respekts umgeben sein.
Anfang der 1970er-Jahre wurde das erste männliche Pinup veröffentlicht. Die Frauenzeitschrift „Cosmopolitan“ publizierte ein großes Faltblatt mit einem Foto des Schauspielers Burt Reynolds. Dieses Pinup sorgte weltweit für Aufsehen. Erstmals wurde ein Mann in einer Inszenierung abgebildet, wie man sie bis dahin vor allem von Frauen kannte. Wahrscheinlich wird Burt Reynolds allein durch dieses Foto stärker in Erinnerung bleiben als durch manche seiner Filmrollen. Dieses Pinup ist mittlerweile ein Klassiker der Fotografie.

Die Ästhetik männlicher Pinups ist im Vergleich zu weiblichen Pinups jedoch deutlich variabler und spiegelt damit weiterhin klassische, kulturell geprägte Rollenbilder von Mann und Frau wider. Dies verweist vor allem auf eine entschieden andere Wahrnehmung männlicher Körperlichkeit. Bei weiblichen Pinups geht es in der Wirkung sehr stark um Frische, jugendliche Makellosigkeit, Glätte der Oberfläche und möglichst zeitlose Attraktivität. Erstaunlich ist dabei, dass fotografische Pinups der 1950er-Jahre bis heute als Ideal gelten und sich auch Pin-up-Malerei und -Grafik weiterhin an ihnen orientieren.
Das männliche Pinup hingegen ist weniger stark vom Alter des Modells abhängig. So wurde Sean Connery 1989 im Alter von 59 Jahren zum „Sexiest Man Alive“ und 1999 im Alter von 69 Jahren zum „Sexiest Man of the Century“ gewählt. Damit wurde deutlich: Seine Darstellung hatte durch das Alter offenbar nicht an sexueller Attraktivität verloren.
Gerade an den sehr unterschiedlichen Titelträgern von „Sexiest Man Alive“ wird sichtbar, dass bei Männern eher die Gesamtwirkung beziehungsweise die Gesamtwahrnehmung der Person entscheidend ist, die sie zu einem wirkungsvollen Pinup macht. Ein bestimmtes Image muss also in die fotografische Performance integriert sein. Bei Burt Reynolds war es mit Sicherheit das Bild des lockeren, unkomplizierten Draufgängers, mit dem man Spaß haben kann – eine Performance, die besonders gut in die Aufbruchsstimmung der 1970er-Jahre passte. Bei Sean Connery ist es das Bild traditioneller, solider Männlichkeit, gepaart mit Abenteuer und Dominanz. In den späten 1980er- und 1990er-Jahren des 20. Jahrhunderts war dies durchaus auch ein Spiegel des aufkommenden Neokonservatismus, der vor allem an der Bestätigung und Optimierung des Bestehenden interessiert war, innovative Reformen jedoch zunehmend kritisch betrachtete. Sicherheit in einer unsicherer werdenden Zeit mit ungewisser Zukunft gewann an Bedeutung.
Dwayne Johnson, der „Sexiest Man Alive“ des Jahres 2016, ist in der Reihe der Titelträger eine ungewöhnliche Figur. Sein Image ist geprägt von Kampfgeist, Durchsetzungsvermögen und körperlicher Kraft, aber auch von sozialer Anschlussfähigkeit: den Medienberichten zufolge wurde er zugleich als Familienvater, erfolgreicher Schauspieler und ehemaliger Wrestler wahrgenommen. Gerade diese Verbindung aus physischer Stärke, biografischem Aufstieg und moralischer Verlässlichkeit steigerte offenbar seine Attraktivität. In ihm verdichtet sich eine zeitgenössische Variante des amerikanischen Traums: sozialer Aufstieg aus einfachen Verhältnissen durch Energie, Ausdauer und Selbstdisziplin – ein Versprechen, das für viele längst brüchig geworden ist. Männliche Pinups sind deshalb nie bloß Bilder attraktiver Körper. Sie sind Projektionsflächen gesellschaftlicher Wünsche, Ängste und Sehnsüchte. Während weibliche Pinups bis heute häufig den Wunsch nach Verfügbarkeit, Lust und unkomplizierter Fantasie bedienen, repräsentieren männliche Pinups wechselnde Modelle von Männlichkeit: Abenteuer, Sicherheit, Erfolg, Stärke oder soziale Beständigkeit. Genau darin liegt die kulturgeschichtliche Pointe des „Sexiest Man Alive“: Er zeigt nicht nur, wen eine Zeit begehrenswert findet, sondern auch, welches Bild von Männlichkeit sie gerade braucht.

Rolf-Michael Hilkenbach, September 2017 / überarbeitet August 2026

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