hilkenbach

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Man sah sich, man traf sich…so sexy kann Anarchie sein. Zur Erinnerung an Jutta Winkelmann

Jutta Winkelmann im Jahr 2008

Ein historisches Bild für die rebellische und glamouröse Atmosphäre der 68er Jahre, mit Jutta Winkelmann und ihrer Schwester Gisela in einem Berliner Loft, umgeben von Kunst, Rauch, freier Liebe und politischer Diskussion. Die Zwillinge stehen im Mittelpunkt, stilvoll und selbstbewusst, mit einem Hauch von Anarchie und Boheme.

Ein Berliner Spätsommerabend, 1967. Die Fenster des Altbau-Lofts stehen weit offen, der Duft von Patschuli und kaltem Kaffee mischt sich mit dem Rauch selbstgedrehter Zigaretten. Auf dem Boden liegen zerlesene Ausgaben der Zeitschrift „konkret“, ein Plakat von Godard lehnt an der Wand, daneben ein zerschlissener Perserteppich, auf dem Jutta Winkelmann sitzt – barfuß, die langen Haare wie ein goldener Wasserfall über die Schultern. Ihre Augen blitzen, während sie mit Gisela über Antonin Artaud und die Schönheit des Kontrollverlustes diskutiert. Im Hintergrund läuft Musik von Velvet Underground, Lou Reed singt vom Heroin und der Sehnsucht. Die Luft ist aufgeladen, nicht nur von Ideen, sondern von einer fast erotischen Erwartung. Alles ist möglich, das Leben beginnt jetzt. Ein junger Mann mit Kamera tritt ein, fragt nicht, fotografiert einfach. Jutta Lacht, wirft den Kopf zurück, greift nach einem Glas Rotwein. „Wir sind keine Modelle“, sagt sie, „Wir sind Manifestationen.“

Im Jahr 1967 flüchteten die Zwillinge Jutta und Gisela Schmidt aus dem kleinbürgerlich, provinziellen ihrer Heimatstadt Kassel in das aufregende Berlin, um Kunst, Film und Theater zu studieren……und landeten in der berühmt berüchtigten „Kommune I“. Getragen vom Bewusstsein, zu einer Generation zu gehören, die eine ganze Welt verändern wird, wurden die hübschen jungen Frauen schnell zu alternativ glamourösen Ikonen der 68er Bewegung. Ähnlich wie Rainer Langhans, Uschi Obermaier und auch Bommi Baumann symbolisierten sie die Attraktivität, die „Sexiness“, dieser Jugendrevolte. Freie Liebe, Sex und Drogenrausch, alles Private ist politisch, es gibt keine Trennung zwischen privat und öffentlich, alles ist öffentlich. Nur die „Direkte Aktion“ im unmittelbaren Lebensumfeld kann wirklich etwas verändern. Dem spießigen bürgerlichen Versteckspiel hatten Jutta und Gisela den Kampf angesagt.

William Mellor hatte den Begriff dazu schon 1920 geprägt, „Direct Action“. Für die Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen späterer Jahrzehnte ganz wichtig. Die Anarchistin Emma Goldmann formulierte die eigentliche Idee schon 1911 sehr anschaulich: „Die direkte Aktion, die sich schon auf ökonomischem Gebiet als erfolgreich erwiesen hat, ist im Bereich des Individuums gleichermaßen wirksam. Hunderte von Zwängen beeinträchtigen dort sein Dasein, und nur hartnäckiger Widerstand dagegen wird es endlich befreien. Direkte Aktion gegen die Betriebsführung, direkte Aktion gegen die Autorität des Gesetzes, direkte Aktion gegen den zudringlichen, lästigen Einfluss unseres Moralkodexes ist die folgerichtige, konsequente Vorgehensweise des Anarchismus.“

Jutta und Gisela hielten sich mit der Theorie nicht lange auf, sie praktizierten es. Raus aus den Zwängen, Freiheit leben, Selbstverwirklichung wurden zu ihren Lebensthemen. Beide Frauen heirateten sehr früh, aber das hinderte sie auf keinen Fall daran, den jeweils ganz eigenen Lebenswegen zu folgen. Sie reüssierten als Schauspielerin, Regisseurin, Fotomodell, Schriftstellerin und bildende Künstlerin. Aber durch nichts wollten sie sich wirklich binden lassen. Immer wenn es zu professionell wurde, sprangen sie ab.

Nachdem die Revoluzzer-Szene in Berlin etwas ausgereizt war, zog es die zwei Frauen nach Rom. Dort lernten sie den 16jährigen Milliardärssohn John Paul Getty kennen, der sich ebenfalls auf dem „Aussteiger-Trip“ befand; vor allem auf der Flucht vor seinem erzkonservativen Großvater, dem reichsten Mann der Welt. Zum neuen Bekanntenkreis zählten nun auch einige Mafiabosse. Wenig später heiratete die 23jährige Gisela den 16jährigen. Die Drei lebten eine freundschaftliche Mé-nage-à-trois. Jutta war mit dem Filmemacher Adolf Winkelmann verheiratet, von dem sie sich aber mittlerweile getrennt hatte.

In Italien wurden Jutta und Gisela zu den am meisten fotografierten Modells. Und wie selbstverständlich, interessierten sich auch der Filmproduzent Carlo Ponti und die Regisseure Frederico Fellini und Bernardo Bertolucci für die spektakulären „Twins“. Das fanden die Beiden ganz unterhaltsam, an längerfristigen Engagements waren die Zwillinge jedoch nicht interessiert. In Italien bekam das freie, ausgeflippte Hippieleben den ersten Knacks: John Paul Getty wurde von der Mafia entführt, ein Ohr wurde ihm von den Entführern abgeschnitten, und die Zwillinge wurden von der Polizei verdächtigt an der Entführung mitgewirkt zu haben. Tatsächlich hatten die Drei mit solchen Gedanken gespielt. Gisela Getty in einem Interview mit dem „Stern“:

„Wir haben uns damals als Götterkinder gefühlt. Wir haben natürlich mit so einem Gedanken gespielt. Paul kannte ja so ein paar Mafia-Leute, wir fanden die auch nett, es waren junge, nette Typen. Paul kam eines Tages an und sagte: „Wäre so eine Entführung nicht eine tolle Idee?“ Und wir fanden es dann auch toll, dachten, wir machen Geld und kaufen uns irgendwo in Marrakesch ein großes Schloss. Es ging uns aber nicht darum, reich zu werden. Wir hatten die Vision, dort eine Auserwählten-Kommune zu gründen, eine alternative Welt zu gestalten. (…) Jaja. Es war alles sehr kindlich, recht naiv. Aber die Mafiosi spielten Spiele, die wir nicht kannten. Harte Männer-Spiele. Wir als 68er-Blumenkinder waren da völlig überfordert.“

Nach Italien ist die nächste Station San Francisco, Kalifornien, die Hauptstadt der Flower-Power-People. Und ganz natürlich trafen sie hier Sean Penn, Bob Dylan, Leonard Cohen, Dennis Hopper, Mick Jagger, Andy Warhol, Roman Polanski und Robert de Niro. Jutta und Gisela mitten drin, in der Swinging `68 Generation.

In ihrer Doppelbiografie „Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen“, (2008), versuchten sie eine Dokumentation dieser Zeit.

Mitte der siebziger Jahre gründete Jutta Winkelmann zusammen mit Rainer Langhans in München die spirituelle Lebensgemeinschaft „Harem“, der sich auch ihre Schwester Gisela anschließt. Ihre geistige Heimat finden die Zwillinge in der indischen Philosophie und dem Buddhismus. Über diese Erfahrung veröffentlicht Jutta Winkelmann 1999 ein Buch: „Das Harem-Experiment: Begegnungen mit Rainer Langhans, dem letzten APOnauten“.

2014 machte Jutta Winkelmann ihre Krebserkrankung öffentlich. In einem beißend anarchischen Comicbuch reflektiert sie ihr Krankheitserleben: „Mein Leben ohne mich“, (2016). Chemotherapie lehnt sie ab, auch die verordnete Schmerzmedikation schränkt sie ein. Sie will ihren Verstand nicht vernebeln, sie will ganz klar sein, bis zuletzt. Sie will niemals Opfer von Zuständen sein und seien sie noch so unabwendbar. Sie möchte Kommentatorin sein und sucht nach dem Sinn der zerstörerischen Prozesse in ihrem Körper. Reflektion bis zum Ende.

Alles ist öffentlich, nichts ist privat, das Private ist politisch. Das Konzept wird durchgezogen. Das Krankenzimmer ist nicht tabu. Kamerateams und Journalisten haben Zutritt, solange es möglich ist. Gisela macht ein letztes Foto von ihrer Schwester auf dem Sterbebett…und das Bild wird in der Zeitschrift „Stern“ veröffentlicht. Sie wiegt nur noch 30 Kilogramm. Jutta Winkelmann zerbrechlich schön, in weiße Laken gehüllt, im Zwielicht des Übergangs.

Im Beisein von ihrem Lebenspartner Rainer Langhans und ihrer Schwester Gisela Getty stirbt Jutta Winkelmann am 23. Februar 2017, im Alter von 67 Jahren, in ihrer Münchner Wohnung.

Zitat aus dem Stern-Interview: „Ich hatte ein sehr starkes Lichterlebnis. Aber das war nicht so, wie man sich das vorstellt. Es war sehr schön. Deswegen habe ich jetzt keine Angst mehr vor dem Tod. Ich würde Ihnen gerne erklären, dass das Nichts nicht nichts ist. Aber ich finde nicht mehr die Worte. Habe nicht mehr die Kraft. Schade. Wenn ich jetzt ein Buch noch schreiben würde, was ich gerne würde, wäre es optimistischer, ich würde schreiben, dass man keine Angst haben muss, dass man definitiv zum neuen Leben kommt.“

Siehe auch:

Arno Luik: Es ist die Nachtfahrt der Seele. Interview mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann, Zeitschrift „Stern“, 24. Februar 2017 (Ouelle der Zitate)

Irmgard Hochreither: Gras, Koks und hochfliegende Ideen. Interview mit Jutta Winkelmann und Gisela Getty, Zeitschrift „Stern“, 20. Februar 2008

Rolf-Michael Hilkenbach / Februar 2017 / Ergänzt Oktober 2025


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