Unerwartete Begegnung an der Pförtnerloge
Brigitte Hamann: Die Historikerin der Geschichten
Ich hatte es noch nicht mitbekommen! Und sofort war die Erinnerung wieder da, eine Begegnung im letzten Jahr 2015, im Sommer. Ich stand im Eingangsbereich der Villa Hügel. Eine blonde Frau stand an der Pförtnerloge und diskutierte mit einem Securitas-Mitarbeiter. Die Sonne schien durch die hohen Fenster und ich spürte eine leichte Nervosität. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber wer war sie denn eigentlich noch? Es fiel mir nicht sofort ein und ich musste sie wohl sehr intensiv angeschaut haben. Sie merkte es, drehte sich lachend um. Ich sagte: „Irgendwoher kenne ich Sie.“ Sie schaute mich mit großen aufgerissenen Augen an und sagte: „Ja, jetzt raten Sie mal!“ Und blitzartig war der Name da: BRIGITTE HAMANN. Sie lachte wieder laut und rief: „Der Kandidat hat 99 Punkte!“ Ich war begeistert: Die berühmte Historikerin, Habsburg-Expertin und Bestsellerautorin stand vor mir.
Dann hatten wir ein interessantes Gespräch. Sie interessierte sich sehr für die Krupp-Geschichte und wir waren uns einig, dass Alfred Krupp eine sehr interessante Person sei. Sie erzählte, dass sie auf einer kurzen Stippvisite in Essen sei, ihrer alten Heimat. Sie wollte aber jetzt wieder nach Wien, zurück an ihrem Schreibtisch. Ohne Schreiben, könnte sie nicht sein. Ich schlug ihr noch vor eine neue Biografie über Alfred Krupp zu schreiben. „Mal sehen, mal sehen“, rief sie lachend und drückte mir die Hand. Wir wünschten uns gegenseitig noch alles Gute, dann stieg sie in ein Auto, das auf sie wartete und ich winkte ihr hinterher.
BRIGITTE HAMANN wurde 1940 in Essen geboren. In Münster und Wien studierte sie Geschichte und Germanistik, machte eine Ausbildung zur Realschul-Lehrerin, später arbeitete sie als Ruhrgebietsjournalistin. In Wien heiratete sie den Historiker Günther Hamann. Die österreichische Geschichte wird von nun an ihr Hauptthema. Ihre Dissertation schreibt sie über das Leben von Kronprinz Rudolf und die Mayerling-Affäre. Die Arbeit wird 1000 Seiten lang. Eine abgespeckte Version „Rudolf – Kronprinz und Rebell“, ihre erste Buchveröffentlichung, wird sofort zu einem großen Erfolg.
Brigitte Hamann wollte unter Beweis stellen, dass wissenschaftlich-historische Arbeit nicht im Widerspruch zu guter Lesbarkeit stehen muss. Sie wollte breite Bevölkerungsschichten für historische Themen interessieren. Und das war ihr absolut gelungen. Brigitte Hamann war eine gute Historikerin, vor allem aber auch eine gute Geschichtenerzählerin.
Ihr darauffolgendes Buch, war die spektakuläre Biografie über Elisabeth von Österreich (Sissi). Sie entdeckte die Tagebücher der Kaiserin und räumte in ihrer Arbeit mit dem Sissi-Kitsch auf. In dem Buch „Elisabeth – Kaiserin wider Willen“ zeichnete sie das Bild einer sehr depressiven, exzentrischen Frau mit narzisstischen Zügen.
Und mit noch einer Ikone der österreichischen Geschichte setzte sie sich kritisch auseinander: „Nichts als Musik im Kopf – Das Leben des Wolfgang Amadeus Mozart“.
Später beschäftigte sich Brigitte Hamann auch mit dem Nationalsozialismus. Mit „Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators“ öffnete sie ganz neue Perspektiven auf das Leben von Adolf Hitler. Ebenso spannend das Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“.
Hoch interessant auch ihre Bücher, über die Zeit des Ersten Weltkrieges: „Bertha von Suttner – Kämpferin für den Frieden“ und „Der Erster Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Texten und Bildern“.
Die FAZ nennt Brigitte Hamann in einem Nachruf „Die ungekrönte Königin im Reich der Historiker“. Der „Tagesspiegel“ charakterisierte ihr Werk und ihre Arbeitsweise mit der Überschrift „Akribische Enthüllungen“. Der britische Historiker Norman Stone rühmte im „Wall Street Journal“ das Werk von Brigitte Hamann als einen Triumph der Grundlagenforschung auf steinigem Feld.
Brigitte Hamann verstarb im Alter von 76 Jahren, am 4. Oktober 2016 in Wien. Eine Geschichtenerzählerin, die das Vergangene lebendig machte!
Rolf-Michael Hilkenbach / November 2016

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