Ein Lied erhebt sich über die Dächer Jerusalems – Ofra Haza singt, und die Stadt wird zum Symbol der Sehnsucht nach Einheit. Sie singt nicht nur Worte – sie öffnet Räume. Zwischen den Mauern einer zerrissenen Stadt, zwischen den Herzen dreier Religionen, zwischen Himmel und Erde. Ofra Haza war mehr als eine Sängerin. Sie war ein Symbol. Ein Licht, das durch die Risse einer gespaltenen Gesellschaft drang. Und wer ihrem Gesang lauschte, hörte nicht nur Musik sondern auch die Möglichkeit eines anderen Miteinanders.
Es war eine der größten Beerdigungen, die in Israel je stattgefunden hat, im Februar 2000. Hunderte von Menschen strömten zum Hauptfriedhof von Tel Aviv. Unter den trauernden und anteilnehmenden Menschen auch einige prominente israelische Politiker, Künstler und Kulturschaffende. Sie alle wollten der Sängerin Ofra Haza – der „Stimme des Himmels“ – die letzte Ehre erweisen. Wenn sie sang, schien der Himmel selbst zu lauschen – ihre Stimme war Licht, das durch die Risse einer gespaltenen Gesellschaft drang. Offenbar wurde sie nicht allein als Sängerin, sondern auch als Verkünderin einer Botschaft wahrgenommen. Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak sprach in seiner Grabrede davon, dass es eine Ehre war, sie kennengelernt zu haben. Sie sei eine der größten Töchter des Landes. Die Trauer war groß! Vierzehn Tage zuvor wurde Ofra Haza als Notfall im Tel-Hashomer-Hospital aufgenommen. Seitdem nahm die israelische Öffentlichkeit Anteil an ihren Leiden. Täglich kommentierten Fernsehen und Zeitung den dramatischen Krankheitsverlauf und die Behandlungsversuche der Ärzte. Die offenbar plötzlich aufgetretene schwere Erkrankung der Sängerin schockierte die Menschen in Israel. Ofra Haza war für die Menschen in Israel mehr als eine sehr populäre Sängerin. Sie war, und ist immer noch, ein Nationalsymbol.
Ehud Barak formulierte es so: „Ofra kam aus dem Slum und erreichte die Spitze der israelischen Kultur. Sie stand für alles, was gut und nobel in der israelischen Gesellschaft ist. Wir haben ihr sehr viel zu verdanken.“
Kindheit im Slum
Ofra Haza wurde als siebtes Kind einer jemenitisch-jüdischen Familie geboren. Jemenitische Juden sind arabischstämmige Juden, die in Israel eingewandert sind. Diese arabischen Wurzeln ermöglichen in der israelischen Gesellschaft nur schwer einen sozialen Aufstieg. Jemenitische Juden, leben in Israel meist sozial randständig. Die Familie von Ofra Haza war sehr arm. Ein unbedingtes Gottvertrauen, war in ihrer Familie eine wichtige stabilisierende Kraft.
„Ich wurde unter Armen reich. Weil ich bei meinen Eltern gelernt habe, mit dem Herzen glücklich zu sein.“ Das Gebet – jeden Morgen und jeden Abend – gehörte zu ihrem Leben. Bei vielen Tätigkeiten im Alltag konnte sie Gott in Gedanken mit ein binden, sogar beim Zähneputzen, wie sie einmal in einem Interview erzählte. „Gott wacht über mein Leben“, sagte sie.
Die soziale Herkunft sensibilisierte Ofra Haza schon sehr früh für Ungerechtigkeiten und politische Missstände.
„Als ich zwölf war, ging ich an ein Theater. Es war ein Workshop-Theater, ein Protest-Theater. Wir haben dort über die Probleme gesprochen, die wir in der Nachbarschaft hatten. Und wir hatten jede Menge Probleme. An unseren Schulen gab es keine guten Lehrer und die ganze Gegend wurde vernachlässigt. Wir wollten etwas tun, aber keine Demonstrationen auf der Straße, sondern es auf kulturelle Weise machen.“
Politisches Engagement
Das politische Engagement für ihr Land blieb ein fester Bestandteil ihres Lebens. In späteren Jahren nutzte sie immer wieder ihre große Popularität, um für eine friedvolle gesellschaftliche Integration in diesem konfliktbelasteten Staat zu werben. Dabei stellte sie ihre arabisch-jemenitische Herkunft bewusst heraus. Und sie versuchte deutlich zu machen, dass gerade die jüdische Religion eine bindende und verpflichtende Kraft in diesem Land sein kann. Ofra Haza vertrat nicht in erster Linie die Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt mit den Palästinensern. Ihr Einsatz galt stets einem friedlichen gesellschaftlichen Miteinander von Israeliten unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion. Das Beharren auf fundamentalistischen Ansichten, sowohl politisch wie auch religiös, sah sie als den Grund der zentralen politischen Konflikte in Israel. Fundamentalismus jeglicher Art, lehnte sie strikt ab. Nicht bei allen Israelis konnte sie damit Sympathien gewinnen.
„Ich bin in Oslo aufgetreten, als Arafat, Perez und Rabin den Friedensnobelpreis erhielten. Ich war so glücklich. Ich sah in der Tür den Frieden, sah bereits sein Licht. Jeder war glücklich. Aber solange es auf beiden Seiten Fanatiker gibt, gibt es keinen Frieden. Diese Leute verkehren die Situation in Israel ins Schlechte.“
„Ich habe mich an meine palästinensischen Nachbarn gewandt und gesagt: Bitte, lebt mit uns zusammen! Lasst unsere beiden Völker Frieden schließen und glücklich zusammenleben.“
Es war kein Zufall, dass im Jahr 2002 bei einer großen Erinnerungsparty an Ofra Haza über 4000 Menschen zusammenkamen. Vor allem junge Teilnehmende versammelten sich und sangen in der Kulturhalle von Tel Aviv ihre Lieder. Auch der damalige israelische Außenminister und spätere israelische Staatspräsident Simon Peres war anwesend. Peres – von Bodyguards umringt – wurde dort jubelnd von der Menge empfangen.
Ofra Haza wurde am Theater als Sängerin entdeckt. Sie begann ihre Karriere mit folkloristischen und religiösen Liedern. Mit ihrer wunderbaren Stimme begeisterte sie viele Menschen. Schnell wurde sie in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu eine der populärsten Sängerinnen in Israel. In Israel war sie längst ein Star, als Anfang der achtziger Jahre ihre internationale Karriere begann. Mit dem Lied „Im Nin`Alu“ – einem gesungenen religiösen Gedicht eines jemenitischen Rabbiners aus dem 17. Jahrhundert – hatte sie weltweit großen Erfolg. Das Lied hatte sie bereits als kleines Kind von ihrer Mutter gelernt. In diesem Lied heißt es: „Selbst wenn die Türen der Freigiebigen verschlossen sind, werden die Türen des Himmels niemals verschlossen sein.“
„Das Lied hat mein Leben bestimmt. Wir haben uns damit Mut zu gesungen“, sagte Ofra Haza in einem Interview.
Spirituelle Botschaft
Die große Hoffnung von Ofra Haza, eine Botschaft, ein Vermächtnis, das bis heute seine Gültigkeit für uns alle nicht verloren hat.
„Ich hoffe, eines Tages wird sich alles zum Guten wenden, denn ich bin sehr optimistisch und bete dafür, dass jeder Mensch am Morgen aufstehen wird und den Zauber des Lichts Gottes erlebt. Lasst uns Frieden schließen! Lasst uns gemeinsam das Leben genießen. Das ist mein Traum!“
Kaddish ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum, inhaltlich vergleichbar mit dem „Vater unser…“ der Christen.
Rolf-Michael Hilkenbach / Mai 2015 / überarbeitet und ergänzt Oktober 2025

Kommentar verfassen