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Jenseits von Grenzen und Zeit entfaltet sich unser Erbe. Entfessle die Kraft, erobere das Spiel der Imagination. Begleite uns auf der Suche nach einer anderen Frequenz von Wirklichkeit – einer Welt, in der Kreativität keine Grenzen kennt.


Lesezeit – Edward Morgan Forster – Aussichten und Einsichten aus einer längst vergangenen Zeit

Freiheit, Sehnsucht, Selbstbestimmung, Maurice

„Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ (Zitat, E.M. Forster)

EDWARD MORGAN FORSTER ist ein absoluter Lieblingsschriftsteller, den ich sehr gerne vorstelle. Er wurde noch im 19. Jahrhundert geboren und starb 1970. In Deutschland ist er relativ unbekannt, meine ich zumindest. In Großbritannien gehört er zu den Klassikern der englischsprachigen Literatur und ist Pflichtlektüre in den Schulen.

In dem Lesezeit-Video schildere ich mein Leseerlebnis.

Er gilt als Chronist der sogenannten edwardianischen Epoche. Gemeint ist die Zeit nach der Thronbesteigung von Edward VII., von 1901 bis ca.1914. In England ein kulturgeschichtlich wichtiger Zeitabschnitt, der als Durchbruch der Moderne gilt.

E.M. FORSTER war in jungen Jahren eine Zeitlang ein Mitglied der berühmten „Bloomsbury Group“. Eine informelle Vereinigung von Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern. Sie hatte bis zu Beginn der Zweiten Weltkrieges einen bedeutenden Einfluss auf das kulturelle und geistige Leben in Großbritannien.

Während des Ersten Weltkrieges betätigte sich E. M. Forster unter anderem als Kriegsreporter. Später lebte er einige Jahre in Indien. Bis zu seinem Lebensende lehrte er Literaturwissenschaft am renommierten King`s College der Universität Cambridge.

Als junger Mann arbeitete E.M. FORSTER unter anderem als Hauslehrer in Deutschland, bei einer ostpreußischen Gutsbesitzerfamilie. Er sprach sehr gut Deutsch.

Alle seine Romane wurden Bestseller. Sie sind stets gesellschaftskritisch angelegt und thematisieren vor allem die englische Klassenstruktur. Dennoch sind seine Geschichten nicht vordergründig politisch. Er schreibt eher über die Charaktere von Menschen und wie sie durch gesellschaftliche Moral und Beziehungen geformt werden. Der Roman „Die Reise nach Indien“ wird als sein Hauptwerk bezeichnet. Es ist DER Indien-Roman schlechthin. Wer etwas über die Eigenart der britischen Kolonialzeit in Indien erfahren will, muss dieses Buch lesen.

Drei seiner Romane wurden von dem berühmten Regisseur James Ivory als Trilogie verfilmt: „Zimmer mit Aussicht“, „Howard’s End“ und „Maurice“. Alle drei Filme wurden mehrfach ausgezeichnet und sind perfekte filmische Umsetzungen der Romanvorlagen. Man merkt diesen Filmen deutlich an, das James Ivory sich intensiv mit dem schriftstellerischen Werk des Romanautors auseinandergesetzt hatte. Deshalb gehören bei meiner Buchempfehlung die Filme unbedingt dazu.

Der letzter Roman von E.M. FORSTER, der nach einer sehr langen schriftstellerischer Pause erschien, war „Maurice“. Dieser Roman trägt ohne Zweifel autobiografische Züge des Autors. Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, das E.M. FORSTER in dem Protagonisten der Geschichte – Maurice Hall – sein Alter Ego sah. Und weil er in dieser Erzählung etwas sehr Wesentliches von sich selbst frei gab, verfügte er, dass dieser Roman erst nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte. E.M. FORSTER bemühte sich stets um ein authentisches Leben. Authentizität war sein Thema überhaupt. Aber hier wollte er sich nicht einer – mit Sicherheit einsetzenden – öffentlichen Diskussion, aussetzen. Die Verfilmung von „Maurice“ durch James Ivory wurde zu einem Filmkunstwerk. Man sollte den Film sehen und den Roman lesen, dann erfährt man sehr viel über das Denken und die Seele des Autors.

Nur die Verbindung zählt, ist ein berühmter Satz von Edward Morgan Forster aus seinem Roman „Howards End“. Nur die zwischenmenschlichen Beziehungen zählen. Vor allem authentische, freie und selbst bestimmte Beziehungen sind wichtig. Diese Beziehungen stellen sich dem Zwang gesellschaftlicher Überformungen stets kritisch gegenüber. Authentische Ich-Du-Beziehungen bergen ein Potential für gesellschaftliche Reformen und Innovationen. Es ist das Herzstück des Denkens und Schreibens von Edward Morgan Forster. Seine Romane sind ein Fenster in eine Welt, sie sich zwischen konservativ, viktorianischer Strenge und liberal, moderner Offenheit bewegt. Sie sind auch ein Spiegel unserer eigenen Fragen nach Identität, Freiheit und Beziehung. E.M. Forster zeigt wie fragil menschliche Beziehungen sein können und wie kostbar echte, durch Authentizität geprägte zwischenmenschliche Beziehungen sind.

Wie realistisch ist die Entfaltungmöglichkeit des Individuums, wenn alte gesellschaftliche Strukturen dominant herrschen bzw. diesen gesellschaftlichen Strukturen eine zu große Dominanz zugebilligt wird? Die Geschichten, die er erzählt sind Ausdruck einer Hoffnung auf authentischer Begegnung und zwischenmenschlicher Verständigung. Heute, über ein Jahrhundert später, lesen wir Forster nicht nur als Chronisten seiner Zeit. Wir sehen ihn auch als Mahner für unsere eigene Zeit. Seine Botschaft ist klar: Nur durch Offenheit, Empathie und Verbindung können wir die Kluft zwischen Menschen überwinden.

Der einzelne Mensch verfügt über viel Potential Veränderungen zu bewirken. Aber oft werden gute Ansätze erstickt durch ungute Eigenschaften: Opportunismus, Heuchelei, Eigennutz-Denken und vorauseilenden Gehorsam. In dieser Hinsicht ist Forster ein sehr pessimistischer Autor. Er zweifelt am Fortschritt, weil Dummheit, Bequemlichkeit und irrationale Ängste Einzelner, dem entgegenwirken. Letztendlich ist er so enttäuscht, dass er das Schreiben von Romanen mit 41 Jahren aufgibt. Er selbst sagte, dass er nicht mehr über „dumme Menschen“ schreiben möchte.

Sehr schade ist, das nicht das gesamte Werk von EDWARD MORGAN FORSTER ins Deutsche übersetzt wurde. Ich wünsche mir, dass ein deutscher Verlag so einen Versuch wagt. Eine deutschsprachige Edition des Gesamtwerkes. Diese sollte die sehr gute Biografie von der Literaturwissenschaftlerin Wendy Moffat einschließen.

Für interessierte Leserinnen und Leser hier der zusätzliche Hinweis Wendy Moffat: E.M. Forster: A new Life, Bloomsbury Verlag, 2011 (TB)

Romane und Roman-Verfilmungen über die ich in meinem Buchvideo spreche:
✨🎓E.M. Forster: Zimmer mit Aussicht. Eine Liebesgeschichte

✨🎓E.M. Forster: Auf der Suche nach Indien (Filmtitel: Reise nach Indien)

✨🎓E.M. Forster. Wiedersehen in Howards End

✨🎓E.M. Forster: Maurice

✨🎓E.M. Forster: Das künftige Leben. Erzählungen

✨🎓E.M. Forster: Engel und Narren

Trailer zu dem Spielfilm „Howards End“

Trailer zu dem Spielfilm „Maurice“

Trailer zu dem Spielfilm „Passage to India“, Auf der Suche nach Indien

Rolf-Michael Hilkenbach / Oktober 2025


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