Ein Gespräch, das als Skandal etikettiert wurde, verdient es, gehört zu werden – nicht nur durch die Linse der Empörung, sondern mit dem Ohr für Zwischentöne!
Bei allem was in deutschen Medien ĂĽber dieses sogenannte „historische Gespräch“ berichtet wurde, sollten wir uns dieses Pressegespräch im Original ansehen und vor allem wie es geendet ist (kein Rausschmiss von Herrn Selenskyj!). Es wird auch nicht „geschrien“, es wird eindringlich gesprochen. Das Gesprächsklima ist grundsätzlich gutwillig – bei ca. 2/3 der Zeit. Ein Gesprächsklima, das auf Verständigung zielt.
Das Gespräch dauerte ca. 50 Minuten. Hier wurden im Kern die unterschiedlichen Vorstellungen zum Beenden des Russland-Ukraine-Kriegs erläutert.
🔍 Zwei (gegensätzliche) Visionen von Frieden
Donald Trump plädiert fĂĽr einen Waffenstillstand, Frieden und eine diplomatische Konfliktlösung. Er sieht sich als Vermittler zwischen den Kontrahenten und betont die Notwendigkeit, dass BlutvergieĂźen zu stoppen. Er weist immer wieder auf die vielen Soldaten hin, die bereits auf beiden Seiten ihr Leben lassen mussten. Das sollte so schnell wie möglich beendet werden. Gleichzeitig fordert er eine RĂĽckzahlung der US-Investitionen in die Ukraine – ein wirtschaftlicher Ausgleich fĂĽr die geleistete Hilfe. Auf die Frage, ob die USA die Ukraine weiterhin mit Waffenlieferungen unterstĂĽtzen wird, antwortet er, dass die UnterstĂĽtzung fortgesetzt wird. Die Waffenlieferungen sollen laut Trump fortgesetzt werden – zumindest im Rahmen der Vereinbarungen, die unter der Biden-Administration getroffen wurden. Dabei kritisiert er heftig die Haltung des ehemaligen US-Präsidenten Biden. Mit seiner bereitwilligen militärischen UnterstĂĽtzung der Ukraine habe Biden diesen Krieg mit befördert. Er habe auch die Stimmung fĂĽr notwendige Verhandlungen mit Russland verschlechtert. ZukĂĽnftig wird es diese Art der UnterstĂĽtzung durch die USA nicht mehr geben.
DarĂĽber hinaus ermahnt er Herrn Selenskyj. Er betont, dass man mit Hasstiraden keinen „Deal“ machen kann. Er kritisiert den Präsidenten der Ukraine. Ihm wird vorgeworfen, die Absicht zu haben, ihn (Donald Trump) in solch heftige Kritik gegenĂĽber Russland mit einzubeziehen. Deutlich wird, dass Herr Selenskyj den vorbereiteten Vertrag neu aushandeln möchte. Nicht „nur“ Geld fĂĽr Rohstoffe, sondern Sicherheitsgarantien.
📜 Der Vertrag, der nicht unterschrieben wurde
Hinter den Kulissen des Pressegesprächs lag ein weiterer Brennpunkt: ein Handelsvertrag, der bereits vorbereitet war – und plötzlich zur Verhandlungsmasse wurde.
Ein Vertrag zwischen der Ukraine und den USA, bereits ausgehandelt, wartete auf die Unterschrift. Es gab ein Treffen mit Mitarbeitern aus der Trump-Administration und dem US-Finanzminister Scott Bessent in der Ukraine. Die vorliegende schriftliche Vereinbarung sollte nur noch unterschrieben werden, mit anschlieĂźender Pressepräsentation. Unerwartet wollte Herr Selenskyj (und seine Begleiter) den Vertrag aber neu aushandeln. Selenskyi ĂĽberraschte mit neuen Forderungen – weitere militärische UnterstĂĽtzung der Ukraine und Sicherheitsgarantien. Damit stellte er den Vertrag in Frage und ĂĽberforderte offenbar auch die Geduld von Donald Trump.
Die USA sollten ukrainische Rohstoffe nutzen können und dafür in einen speziellen Wiederaufbaufond für die Ukraine einzahlen. Der Fond sollte von den USA und der Ukraine gemeinsam verwaltet werden. 50% der Mittel sollten für den Wiederaufbau verwendet werden. Eine Auszahlung sollte erst bei einem Grundbestand von 500 Milliarden erfolgen. Nur so kann die Trump-Administration weiter in der Ukraine investieren. denn in den USA gibt es zur Zeit keine politische Bereitschaft in der Bevölkerung die Ukraine militärisch zu unterstützen.
Die Rohstoffe liegen teilweise in russisch besetzten Gebieten der Ukraine. Russland hatte bereits den USA Angeboten, ebenfalls diese Rohstoffe zu verkaufen. ALSO: Russland hätte dann indirekt auch in diesen Fond eingezahlt und sich damit an dem Wiederaufbau beteiligt. Gleichzeitig hätte sich auf diesem Weg die USA in der Ukraine engagieren können, hätte Einfluss nehmen können auf zukĂĽnftige Friedensverhandlungen. Hier geht es um Diplomatie. Es geht um einen „Deal“, wie Donald Trump es ausdrĂĽcken wĂĽrde. Man ĂĽberbrĂĽckt Barrieren auf der Basis einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Ein geopolitischer Balanceakt: Wirtschaftliche Kooperation als FriedensbrĂĽcke. Dort wo sich die USA wirtschaftlich engagieren, sinkt die Wahrscheinlichkeit fĂĽr einen Krieg.
Gegen Ende des Gespräches spricht Herr Selenskyj eine indirekte Drohung aus. Sinngemäß: Es mag ein Ozean zwischen Europa und den USA liegen. Daher kann die USA über den Russland-Ukraine-Krieg distanziert urteilen. Dass könnte sich zukünftig aber auch ändern. Diese Distanz zum Krieg könnte die USA bald verlieren. Daraufhin betont Donald Trump, dass er diese Bemerkung als respektlos empfindet. Er empfindet sie als undankbar angesichts der Unterstützungsleistungen der USA in der Vergangenheit und den augenblicklichen Bemühungen. Herr Selenskyi (und die Ukraine) sollten sich bewusst werden in welcher Lage sie seien. Sie hätten zuerst einmal keine Ansprüche zu stellen und die Realität zu akzeptieren (z.B. Ukraine, keine ausreichenden Soldaten). Er sollte sich besser auf die angebotenen Möglichkeiten auf dem Weg zum Frieden einlassen. Der Wille und das Verhalten zum Frieden zählen.
Zum Abschluss kritisieren J.D. Vance und Donald Trump (sinngemäß) das Wolodymyr Selenskyj offensichtlich nur eine Fortführung des Krieges im Sinn hat. Er möchte seine Bedingungen grundsätzlich durchsetzen. Zudem sei er an Diplomatie nicht interessiert.
🧠Pädagogik trifft Politik
Was mich als Pädagogen und Konfliktforscher besonders berührt: Die Dynamik dieses Gesprächs erinnerte mich an die Grundsätze gelingender Konfliktbewältigung, wie ich sie im ersten Semester meines Studiums lernte (Psychologie, Gruppenpädagogik).
„Ehrfurcht gebĂĽhrt allem Lebendigen und seinem Wachstum.“ Ein ethischer Grundsatz, der in solchen Gesprächen oft verloren geht. Wichtig ist ein unbedingter Versuch gegenseitiger Wertschätzung, egal was passiert ist. Die beteiligten Parteien, mĂĽssen grundsätzlich den authentischen Wunsch haben den Konflikt zu beenden und Frieden zu schlieĂźen.
Grundsätzlich keine Auflistung von Missetaten und keine Schuldzuweisungen. Stigmatisierungen des Partners als Mörder, Terrorist, Verbrecher usw. fĂĽhren zu nichts. Mit einer permanenten Beschimpfung des Partners wird nichts erreicht. Ein ständiges Reden ĂĽber VergeltungsmaĂźnahmen, zum Beispiel ĂĽber ein prinzipielles Recht auf finanzielle Entschädigung belastet erheblich die Verhandlungsbasis. Keine Du-Botschaften: Sage nicht „Du hast das und das getan“. Vermeide Formulierungen wie „Du bist so und so“. Sage nicht „Ich weiĂź, wie du bist und das sage ich dir jetzt“. Solche Formulierungen sind nicht zielfĂĽhrend, drängen den Partner in die Defensive, erzeugen eine Rechtfertigungs- und Verteidigungshaltung, sind Ausdruck eines Dominanzstrebens.
Keine Vermutungen oder Theorien darüber formulieren, warum der Andere so oder so handelt. Bezugspunkt ist das, was tatsächlich gesagt wird. Vor allem wenn der Partner sowieso am längeren Hebel sitzt.
Was zählt, ist der Moment. Das Hier und Jetzt. Das tatsächlich Gesagte.
Statt Schuldzuweisungen braucht es Ich-Botschaften: „Ich möchte mit Dir verhandeln“. „Ich möchte zu einem Ausgleich unserer Interessen kommen“. „Ich wünsche mir eine gemeinsame Zukunft “. „Ich sage dir, wie ich die Situation zurzeit erlebe. Ich teile mit, was mich belastet. Ich erkläre, was ich daran ändern möchte. Ich möchte gemeinsam Nähe und Distanz zwischen uns austarieren. Ich möchte herausfinden, was an Nähe möglich ist. Ich möchte wissen, wieviel Distanz notwendig ist“. Nur mit dieser Kommunikationsqualität kann Raum für Nähe, für Distanz und für Frieden entstehen!
Entscheidend ist die Suche nach einer Verhandlungsbasis, die beiden Seiten ermöglicht ihr Gesicht waren zu können.
Freie Entscheidungen, freies Leben geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Die Erweiterung dieser Grenzen ist grundsätzlich immer möglich!
Und noch ein Grundsatz: „Verantworte dein Tun und Lassen – persönlich und gesellschaftlich“ – Ruth Cohn
🧨 Schlussakkord
Das Gespräch zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj ist gescheitert, offenbar weil der ukrainische Präsident ĂĽberraschend den – im Vorfeld bereits ausgehandelten – diplomatischen Weg verlassen hatte. Das erklärt die sehr emotionale Reaktion von Donald Trump und J.D. Vance zum Abschluss des Gespräches.
Und doch bleibt die Hoffnung, dass Gespräche wie dieses – bei aller Spannung – den Boden bereiten fĂĽr Verständigung.
„Leute, die keinen Krieg erlebt haben, wohl aber selbst Krieg fĂĽhren oder provozieren, wissen nicht, was sie Furchtbares anrichten.“ – Helmuth Schmidt
Rolf-Michael Hilkenbach / März 2025 / überarbeitet und ergänzt November 2025
🧠Inhaltliche Ergänzungen aus aktuellen Quellen
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