Zwischen Bodensee und Buchmesse, zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Kleinbürgertum und Weltpolitik – Martin Walser lebte in Spannungen, die seine Literatur zum Leuchten brachten. Dieser Artikel folgt den Spuren eines Mannes dessen Werk ebenso widersprüchlich wie faszinierend ist.
Martin Walser war wohl der bedeutendste deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit. Er war unheimlich produktiv: 40 Romane, viele Erzählungen, Bühnenstücke, Essays, Gedichte. Ein Leben, ohne zu schreiben, konnte er sich nicht vorstellen. Und er war ein Intellektueller der alten Schule. Er mischte sich in die Tagespolitik ein. Er kommentierte das Zeitgeschehen kritisch. Seine persönlichen Anmerkungen lösten stets kontroverse Diskussionen aus. Dabei folgte er nie einem angesagten Mainstream und er ließ sich auch nicht parteipolitisch vereinnahmen.
Es begann zu Beginn der 60er Jahre mit seiner Antipathie gegenüber dem CSU-Politiker Franz-Josef Strauß und dem Konservatismus der späten Adenauer-Ära. Es folgten seine Stellungnahmen zu den ersten großen NS-Prozessen (Auschwitz). Dann seine kritische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg und der angepassten Haltung der deutschen Bundesregierung zur Außenpolitik der USA. In der medialen Kritik wurde er jetzt der politischen Linken zugeordnet. Schließlich setzte er sich – lange vor dem Mauerfall – für eine deutsche Einigung ein. Deshalb wurde er als Nationalist beschimpft. Dann kritisierte er pointiert die deutsche Vergangenheitsbewältigung. Er thematisierte die interessengesteuerte Darstellung der NS-Geschichte in den Medien (Frankfurter Pauls-Kirchen-Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels). Seine zentralen Anliegen waren der demokratische und herrschaftsfreie Diskurs. Er strebte eine offene Gesellschaft an, die in Solidarität Gegensätze zulassen und aushalten muss. „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr!“.
Martin Walser wurde in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Wasserburg am Bodensee geboren. Diese Gegend blieb bis zu seinem Tod sein Lebensmittelpunkt. Das Familienleben seiner Kindheit und Jugend war religiös, katholisch geprägt. Vor allem der tiefe Glaube seiner Mutter hat ihn Zeit seines Lebens beeindruckt. Auch die klösterliche Kultur um den Ort Wasserburg hat Spuren hinterlassen. Als erwachsener Mensch hat er den christlichen Glauben sehr stark hinterfragt und sich von kirchlichen Glaubensdogmen distanziert. Die Verbindung zum Katholischen ist jedoch immer geblieben, er ist nie aus der Kirche ausgetreten. Dennoch bezeichnete er sich selbst als Agnostiker. Er empfand es als anmaßend, von einer Erkenntnis Gottes zu sprechen. Er bezweifelte nicht die Existenz von Transzendenz, aber hätte man ihn gefragt, ob es Gott (im Sinn der christlichen Lehre) gibt, hätte er zur Antwort gegeben: Ich weiß es nicht.
Martin Walser konnte die Oberrealschule und das Bodensee-Gymnasium besuchen. Er studierte später Philosophie, Germanistik und Geschichte. Nach dem Studium wurde er Journalist beim Radio. Nebenbei entwickelte er seine freiberufliche Tätigkeit als Schriftsteller. Er hatte seinen Durchbruch als Autor 1957 mit dem Roman „Ehen in Philippsburg“. Der Roman ist eine Satire auf die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder. Für diesen Roman wurde er mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis ausgezeichnet.
Die religiöse Prägung spiegelte sich bei Martin Walser in seiner Beschäftigung mit dem Glauben an sich. Die Glaubensfähigkeit des Menschen ist für Martin Walser etwas ungemein Positives, dass den Menschen voranbringt. Wer an etwas glaubt, kann Widerstände überwinden, dass scheinbar Unmögliche erreichen und – das war ihm wohl am meisten wichtig -, der Glaube steht der Tristesse und Last des Alltags gegenüber, bringt Schönheit und Licht ins Leben (deshalb liebte er die religiöse Kunst, vor allem die barocke Ausstattung katholischer Kirchen). In einem Interview sagte er, ohne Glauben wäre das Leben für den Menschen nicht zu ertragen. In der Glaubensfähigkeit scheint für ihn das Göttliche auf, ebenfalls das, was wir als Jenseits bezeichnen. Allerdings war er auch der Ansicht, dass die Glaubensfähigkeit ein geschenktes Talent ist, über das nicht jeder Mensch verfügt. Deshalb stellte er sich sehr konsequent gegen die Verurteilung von Nicht-Gläubigen Menschen. Gerade diese Menschen könnten aber durch Kunst, Musik und Literatur mit dem Glauben konfrontiert werden. Die Schönheit, die in manchen Kunstwerken aufstrahlen kann bzw. erfahrbar wird, kann den Menschen zum Glauben verführen, kann seine Seele mit dem Göttlichen in Berührung bringen. Religion ist für Martin Walser eine Sequenz, die das, was ist, auf eine höhere Stufe des Seins erhebt. Für ihn ist Religion keine Institution oder ein feststehendes Lehrgebäude mit einer unhinterfragbaren Architektur.
Die Eltern von Martin Walser waren selbstständig mit einer Gastwirtschaft und einer Kohlenhandlung. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit musste er zeitweise im elterlichen Betrieb mitarbeiten. Aus dieser Alltagserfahrung von wirtschaftlicher Unsicherheit und einem Leben immer am Bankrott entlang, entwickelte er schon früh eine kritische Distanz zur kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Dieses kleinbürgerliche Milieu hat er als Schriftsteller niemals verlassen, es wurde zu seinem wichtigsten Thema. Die permanente Unsicherheit der wirtschaftlichen Existenz in dieser sozialen Schicht, das mangelnde Selbstbewusstsein der Menschen und ihr lavieren zwischen der Abhängigkeit von einer etablierten Oberschicht und einem drohenden sozialen Absturz nach unten hat ihn immer wieder neu beschäftigt. Die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Lebens aus dieser Perspektive war seine besondere Kompetenz. Den Begriff Kleinbürgertum hat er jedoch nie als Abwertung oder negativ anklingende Problematisierung verstanden. Als eigentliche Herausforderung sah er eher, dass die Menschen aus diesem kleinmittelständischen Dasein ihre eigene Lebensleistung wenig wertschätzen können.
In seinen Romanen möchte Martin Walser die Normalität des bürgerlichen Lebens beschreiben, keine utopischen Visionen. Martin Walser war der Ansicht, dass Utopien Zukunft verhindern können, weil sie vom verantwortlichen Blick auf die Gegenwart ablenken. Das Festhalten an Utopien sei oft mit einer Verachtung und Gleichgültigkeit gegenüber der Lebensgegenwart verbunden. Vielmehr sollte es darum gehen in der Gegenwart Entwicklungen aufzuzeigen, die Entwicklung verhindern oder befördern. Entwicklung sollte der Grundgedanke von Literatur sein, denn Entwicklung sei das Wesen des Menschen und der menschlichen Geschichte. Deshalb verweigerte er sich grundsätzlich einer ausschließlich negativen Sicht auf die deutsche Vergangenheit. Und Romane müssten deshalb immer einen weißen Schatten werfen; sie müssen gut ausgehen, also Entwicklungsperspektiven aufzeigen.
Am 26. Juli 2023 ist Martin Walser im Alter von 96 Jahren verstorben. Im Jahr 1987 wurde ihm das „Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland“ verliehen.
Martin Walser war immer ein sehr Medien affiner Mensch. Er ging sehr gerne in die Öffentlichkeit, um das Gespräch zu suchen. Er gab unzählige Interviews. Er beteiligte sich an vielen öffentlichen Diskussionen. Dadurch wurde er zum am meisten fotografierten Schriftsteller in Deutschland. Ich habe mir in den vergangenen Wochen einige Interviews angesehen. Ich finde, eines der besten Interviews gab er 2016. Es war beim Schweizer Fernsehen für das Gesprächsformat „Vis-a-Vis“.


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