Der Barbie-Film ist gerade in den Kinos der Welt angekommen. Der dazugehörige Soundtrack ist natürlich auch sofort auf dem Markt. Eine Reihe von Popkünstlern sind hier als Interpreten beteiligt. Der Titelsong des Films wird von DUA LIPA gesungen. Sie war auch an der Konzeptionierung des Songs wie auch an dem Aufbau der Szenerie des dazugehörigen Videos beteiligt. Musik und musikalisches Arrangement stammt von dem Musik-Direktor des Films MARK RONSON.
„Dance the Night“ greift ein Kernelement der Filmstory auf. Im Song heiß es sinngemäß: „Wenn mein Herz bricht und meine Welt durcheinandergeschüttelt wird, werde ich die Nacht durchtanzen und die Party nicht vorbei gehen lassen. Sieh mich tanzen, schau genau hin: Meine Tränen werden zu Diamanten“.
Die fantastische Barbie-World wird mit viel Glamour und Aufwand präsentiert. Aber es wird sofort klar, dass es eine Kunstwelt ist. Diese Kunstwelt kann zur Realitätsflucht verführen. Die Barbie-World ist ohne das menschliche Bedürfnis nach Eskapismus nicht denkbar.
Musikalisch ist der Song im Modus eines klassischen Disco-Songs komponiert mit einem kräftigen Funky-Groove, der Grundton ist in Moll gehalten. Traurigkeit und ein gewisses Unbehagen halten Einzug in die rosarote Barbie-World.
Zu Beginn des Videos wird DUA LIPA vom Team am Filmset in die Kulisse der Barbie-World eingewiesen. Sie muss sich hier erst zurechtfinden und den passenden Rhythmus finden, die passende Kleidung usw. Das Sein in der Barbie-World folgt einem eigenen Reglement. Realität und Scheinwelt stehen sich gegenüber. Plötzlich fällt eine große Discokugel zu Boden und zerbricht. Barbie-World ist leicht beschädigt und keineswegs so perfekt wie es anscheinend wirkt. In einem Interview erklärte MARK RONSON das so: Die zerbrochene Discokugel markiert ein Ende der künstlerischen Auseinandersetzung von DUA LIPA mit der Discomusik.
Gleichzeitig holt dieser Crash die Zuschauer auf den Boden der Tatsachen zurück. Das ist eine zentrale Ebene des Barbie-Films: Eine pop-feministische Komödie, die das Matriarchat der Barbie-World zur Illusion erklärt. Zum Schluss des Videos, ist kurz die Regisseurin des Films und des Videos GRETA GERWING zu sehen. Sie fragt ganz erstaunt: „Was ist mit der Discokugel passiert?“
Das glitzernde Plastikambiente der matriarchalen Barbie-Wonder-World folgt einer bewussten Regie, die vielleicht auch dazu verführerisch animiert, die allzu profane reale Alltagswelt aus den Augen zu verlieren. Andererseits ist die Barbie-World in der Alltagsrealität verwurzelt und stellt damit eine emotionalisierte „erhöhte Realität“ dar. Und hier ist die immanente Kritik, von Film und Video, am Barbie-Thema zu finden.
Im Video sind wiederholt Personen mit Regenschirmen zu sehen, auch bei den Tanzszenen: Dies kann als Verweis auf ein künstlerisches Vorbild der Regisseurin GRETA GERWING gesehen werden: Der französische Film „Die Regenschirme von Cherbourg“ aus dem Jahr 1964 von Jacques Demy.
Die Wahl von Discomusik für den Soundtrack geht auf einen ausdrücklichen Wunsch von GRETA GERWING zurück. Diese Art von neuer Popmusik, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhundert entstand, entspricht nach ihrer Aussage genau dem Milieu der Barbie-World. GRETA GERWIN konnte sich kein anderes Musikthema für ihren Film vorstellen.
Auf welcher Ebene können wir eine Beziehung zwischen Barbie-World und Diskotheken-Milieu erkennen? Das „Studio 54“ in New York und der „Palast“ in Paris sind beispielgebend für die Discoszene der 70er und frühen 80er Jahre. Hier wurden faszinierende und beeindruckende Räume theatralisch inszeniert, um besondere emotionale Wirkungen zu erzeugen. Diese Orte waren zugänglich für Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Gruppierungen und Alters, die sich sonst niemals begegnet wären. Ein Sinnbild für die gesellschaftliche Bedürfnisse Ende der 70er und 80er Jahre: Die Auflösung von starren Grenzen zwischen sehr verschiedenen sozio-kulturellen Lebenswelten und Lebensformen. Die Discokultur als ein Sinnbild des Seins, jenseits aller sozialen Klassenstrukturen, Geschlechtsrollen und gesellschaftlich vorgegebener Moral.
Die Superdisco jedoch gleichzeitig auch ein Ort des grenzenlosen, exzessiven Auslebens von Obsessionen, bis hin zur Zerstörung des Individuums: Drogenkonsum und Ausstieg aus der Alltagsrealität (siehe die dokumentierte Geschichte des „Studio 54“).
Die Anderswelt der Discothek, zu Beginn eine kreativ lebensbejahende Innovation der Breitenkultur (die glitzernde Discokugel), andererseits kapitalistisch konsumorientierte Ausbeutung einer psychosozialen Bedürfnislage (Verführung zu einem rauschhaften Eskapismus): „Dance the Nigth“


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