
Wie ein Schiff aus Stein liegt sie über dem Ruhrtal – die Villa Hügel, gebaut nicht für Träume, sondern für die Idee der industriellen Moderne.
Die Villa Hügel ist die größte Unternehmervilla in Deutschland. Auch im internationalen Vergleich ist dieses Gebäude eines der größten Häuser, das sich je ein Unternehmer im 19. Jahrhundert gebaut hat. Entstanden ist das Haus in den Jahren 1870-1873, der Bauherr UND Architekt war Alfred Krupp. Er hatte keine Ausbildung als Architekt, aber das Haus wurde ganz und gar nach seinen Entwürfen gebaut. Architekten hatten hier „nur“ eine ausführende Funktion. Die Villa Hügel verfügt über 11 000 qm und – wenn wir jeden Kellerraum und jeden Flur mitzählen – ca. 399 Räume.
Für den Bauherrn Alfred Krupp standen vor allem Funktionalität, Sachlichkeit und Innovation im Vordergrund. „An diesem Haus soll nichts älter sein, als ich selbst bin“, war eine seiner Aussagen dazu. Das war eine klare Absage an den damals gängigen Historismus. Das Haus sollte Ausdruck der neuen Zeit sein, ein Spiegel seiner eigenen bürgerlichen Unternehmergeneration, die die Gesellschaft verändert hatte. Nichts sollte stilistisch an die Vergangenheit erinnern. Das Haus sollte alle technischen Neuerungen aufweisen, die damals für das Wohnen möglich schienen. Alfred Krupp war eindeutig ein Technikfreak und er wollte das Wohnen durch Technik perfektionieren. Das Ideal: Eine „Wohnmaschine“. Das stand im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Sein architektonisches Vorbild: Fabrikhallen, Bahnhofsgebäude und Schiffsbau. Hier sah er ganz neue innovative Raumgestaltungsmöglichkeiten. Das Hauptmerkmal seiner Architektur-Vorbilder: Eisen als Baumaterial. So wurde dieses Gebäude das erste Wohngebäude der Welt, das ausschließlich auf Eisenträgern errichtet wurde. Kein einziger Holzbalken wurde beim Bau des Hauses verwendet. Hier mussten neue technische Lösungen entwickelt werden. Ingenieure und Architekten musste hier gleichberechtigt Hand in Hand arbeiten, im 19. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich.
Die Ästhetik der Architektur, hatte sich der Funktion unterzuordnen. Die Villa Hügel war in erster Linie nicht als reines Wohnhaus der Familie gedacht, sondern als Repräsentationsgebäude der Firma Krupp. Deshalb ist es grundlegend falsch, hier vom „Wohnhaus Krupp“ zu sprechen. Nur ca. 10 Räume im Haus, waren der rein privaten Nutzung vorbehalten. Nach dem Willen von Alfred Krupp sollte das Haus auch niemals dem Privatvermögen der Familie zugeschlagen werden. Es gehörte zum Firmenvermögen. Das Haus war gedacht als ein Teil der großen Fabrik. Das Haus repräsentierte also vorrangig die Bedeutung des Unternehmens. Die Villa Hügel war keine persönliche Residenz. Das entsprach auch dem Rollenverständnis von Alfred Krupp als Unternehmer. Der Unternehmer sollte in erster Linie ein Dienstleister für das Unternehmen sein. Er sollte nicht jemand sein, der das Unternehmen primär als reine Kapitalquelle sieht.
Der Unternehmer steht m Dienst des Unternehmens, das seine Existenzberechtigung aus sich selbst erhält, so die Ansicht von Alfred Krupp. Der Unternehmer hat die Aufgabe, das Unternehmen zu sichern. Er sollte es auch fördern. Allerdings sollte er sich keinen willkürlichen, unbeschränkten Zugriff auf das Unternehmen leisten. Als oberste Pflicht unternehmerischen Handelns sah Alfred Krupp die Wahrung der Einheit und des Zusammenhalts innerhalb der Fabrik. Unter diesem Gesichtspunkt rechtfertigte er auch das patriarchale Führungsprinzip. Bestimmte Vorteile, die aus dieser Position erwachsen konnten, standen dem Fabrikbesitzer zu, wenn er dieser Verantwortung nachkam.
Die Villa Hügel ist ein Dienstleistungsgebäude für die Firma Krupp. Ein wesentlicher Teil der Infrastruktur des Gebäudes ist auf diesen Zweck hin ausgerichtet. Welche Dienstleistungen sollte das Haus erfüllen? Die Raumaufteilung wird absolut dominiert von zwei großen Hallen, die als Gesellschaftsräume für große Veranstaltungen mit 400-600 Gästen dienen sollten. Aussage von Alfred Krupp: „Unten wollen wir essen, oben wollen wir das Tanzbein schwingen“. Diese Hallen waren die ersten Räume, die Alfred Krupp in seinen Entwürfen einzeichnete. Das zeigt, wie wichtig gerade diese Räumlichkeiten für ihn waren. Eine weitere bedeutsame Aufgabe für das Haus sollte die Gästebetreuung sein. Besonders wichtige Kunden bzw. andere bedeutende Gäste sollten hier eine angemessene Unterkunft finden. Die Villa Hügel diente als Gästehaus – wenn man so will – war sie ein Firmenhotel der Firma Krupp.
Um die Gäste zu unterhalten, gab es im Park viele Optionen. Für den Sommer gab es einen Bootsteich und für den Winter einen Schlittschuhteich. Es gab auch Tennisplätze, eine Kegelbahn und eine Tontaubenschießanlage. Zudem bot der Park Wandermöglichkeiten sowie Jagdmöglichkeiten. Wie wichtig gerade die Gästebetreuung für Alfred Krupp war, sieht man daran. Er plante sogar einen Gang aus Glas hinter dem Haus. Die Gäste sollten auch bei schlechtem Wetter den Park genießen können. Die Villa Hügel war ein Beitrag zum Marketing des Unternehmens Krupp.
Der Park war keinesfalls als ein rein privates Refugium einer reichen Unternehmerfamilie konzipiert. Von Anfang an stand er auch im Dienst der Mitarbeitenden des Werkes. Die Mitarbeiter und ihre Familienangehörigen hatten hier regulierten freien Zutritt. Der Park sollte für sie ein Ort der Erholung, der Entspannung, des Ausgleichs zum industriell geprägten Alltag sein. Ein grüner Resonanzraum für die Werksfamilie.
Nach Alfred Krupps Vorstellung sollte das Haus ein Vorbild für technischen Fortschritt und ländlichem Leben sein. Zwei an sich gegensätzliche Pole sollten hier in einem konstruktiven, sich wechselseitigen ergänzenden Zusammenhang gebracht werden. Das war in der Zeit damals absolut nicht selbstverständlich. Die Menschen erfuhren eher, dass die Industrie die Landschaft verschandelte. Sie beeinflusste auch die Lebensbedingungen der Menschen negativ.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die industrielle Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung besonders intensiv augenfällig. Alfred Krupp wollte hier zeigen, dass Industrie auch positiv Landschaft gestalten konnte. Er wollte das mit dem Geld, das hier verdient wurde, und mit neuen technischen Möglichkeiten erreichen. Gerade deshalb sind das Haus und die Parkanlage drum herum nicht die Flucht eines Unternehmers aus einer unwirtlich gewordenen Umgebung. Vielmehr sind sie eine Ergänzung bzw. eine Möglichkeit, die durch den Kapitalgewinn der Industrie erst machbar wurde. Die Villa Hügel also ein Projekt der Firma Krupp, nicht allein der private, abgeschlossene Wohnsitz eines reichen Unternehmers.
Hier kann man eine Parallele zu Alfred Krupps Verständnis der industriellen Gesellschaft ziehen. In der Firma wurde die Idee der Werksfamilie gepflegt. Das Werk konnte ein Zuhause sein und Sicherheit bieten. Es bot Geborgenheit, Zugehörigkeit und relativen Schutz vor der Unbill des Lebens. Es wirkte der sozialen Entwurzelung von Menschen entgegen. Dieses Image wurde von Alfred Krupp besonders angestrebt. Die kalte Rationalität der industriellen Lebensform sollte zur Idylle der kleinen Häuslichkeit in Beziehung gesetzt werden. In seiner Perspektive ist dies maßgeblich begründend für die Zufriedenheit und eine gesunde Ausgeglichenheit von Menschen. Eine weitgehend konfliktfreie Zukunft der industriellen Gesellschaft hing für ihn davon ab. Entscheidend war, inwieweit diese formalen Gegensätze zueinander finden. Wichtig war auch, ob sie sich wechselseitig fördern.
Alfred Krupp war ein stolzer bürgerlicher Kaufmann. Er grenzte sich – wie das frühe Bürgertum allgemein – stark von der Aristokratie ab. Als Kaiser Wilhelm I. ihn für seine Verdienste in den Adelsstand erheben wollte, wollte er die Nobilitierung nicht annehmen. Er sagte: „Krupp allein genügt, wir sind durch Arbeit geadelt“. Mit dieser Haltung stand Alfred Krupp nicht allein. Auch August Thyssen verzichtete, noch Jahre später, auf die Standeserhöhung. Das entsprach der bürgerlich selbstbewussten Haltung. Das Bürgertum wirkte über ein Jahrhundert gesellschaftlich innovativ. Es suchte nach einem eigenen Standing in der Gesellschaft und verlangte es. Sozialer Status sollte aufgrund von Leistung und erworbenen Verdiensten verliehen werden. Ausschließlich ererbte Privilegien und durch den Staat, verliehene Sonderrechte wurden politisch vehement bekämpft. Deshalb sollte sein neu erbautes Haus vor allem kein Schloss sein. Es sollte auf keinen Fall einen aristokratischen Charakter erhalten.
Wie zeigte sich das in der Architektur? Das Haus besaß ursprünglich kein auffälliges Haupteingangsportal, weil solche Portale typisch für Schlösser bzw. adelige Landsitze waren. Der Haupteingang wurde unscheinbar an die Seite gelegte, mit einer ganz normal bemessenen Eingangstür. Für unbedarfte Besucher war kaum zu erkennen, an welcher Stelle sich der Haupteingang befand. Außerdem gab es keine Auffahrt. Große Alleen als Auffahrten waren ebenfalls typisch für Schlösser. Der vordere Bereich der Villa Hügel war, nach den Wünschen von Alfred Krupp, bewusst mit verschiedenen Funktionsgebäuden bebaut. Deshalb gab es keine klassische Auffahrt. Die Villa Hügel war ursprünglich von einem kleinen Dorf aus ca. 50 Wirtschafts- und Funktionsgebäuden umgeben. Die Villa war Mittelpunkt dieses kleinen Dorfes. Anfang der 50-iger Jahre, nach dem 2. Weltkrieg, wurden diese Gebäude abgerissen. Der gegenwärtige Anblick der Villa Hügel gibt somit ein vollkommen verfälschtes Bild wieder. Die Villa hatte niemals einen so ausgeprägten solitären Charakter, wie wir es heute sehen können.
Bei der Außenansicht können wir die Linien und Formen des Gebäudes in unterschiedliche Rahmen (Frames) einteilen. Zwei große Rechtecke, die mit Räumlichkeiten gefüllt wurden. Die Fassaden heben wiederum geometrische Einteilungen hervor. Der angebrachte Stuck ist minimal und wirkt wie aufgesetzt. Das Gebäude bekommt dadurch einen cleanen Charakter, betont durch die helle Sandsteinverkleidung. Andererseits hebt das Design auch Disharmonien des Gebäudes hervor, die im Laufe der Zeit entstanden sind (Kontrast Nord- und Südfassade).
Die Rahmen/Frames verweisen darüber hinaus auf weitere Aspekte des Gebäudes. Äußere Rahmen verdeutlichen – oder heben hervor – was sich in ihrem Innenraum befindet. Aber sie Konturieren auch die Umwelt nach außen. Das, was umrahmt wird, wird abgegrenzt von dem, was es nicht ist. Der Rahmen definiert, ordnet das Umfeld. Auch hier gibt es einen Bezug zur Baugeschichte der Villa. Alfred Krupp plante eine Struktur unterschiedlicher Lebenswelten auf dem Hügel, voneinander abgegrenzt, aber gleichzeitig auch funktional aufeinander bezogen. Die Lebenswelt der Familie ist ein Rahmen. Die Lebenswelt der Hausangestellten ist ein anderer Rahmen. Dann gibt es die Lebenswelt der Gäste im Haus. Außerdem gibt es die Lebenswelt der Mitarbeiter des Hügelbetriebs. Ganz wesentlich ist die Lebenswelt der öffentlichen Repräsentation. Alle Lebenswelten sollten klar konturiert sein, um sie besser zu kontrollieren, sie in ihrer Funktionalität und Kommunikationskompetenz zu optimieren. Die Raumaufteilung im „Großen- und Kleinen-Haus“ der Villa ist eine soziale Kartografie der Funktion.
Ganz wichtig auch: Das Haus sollte nach dem Willen von Alfred Krupp keinen Stuck an der Fassade haben. Er wollte eine glatte, schmucklose Außengestaltung des Gebäudes. Das war in der damaligen Zeit sehr ungewöhnlich. Reichhaltiger Stuck und eine differenzierte Gliederung der Außenverkleidung galten als ein Symbol, als ein sozio-kulturelles Zeichen. Sie standen für den Wohlstand und den sozialen Status des Hausbesitzers. Für die ausführenden Architekten waren die Wünsche des Bauherrn deswegen sehr schwer nachzuvollziehen. Sie hatten kein ästhetisches Vorbild, für das was er wollte. Wenn wir uns fragen, was sich Alfred Krupp vorgestellt hatte, dann stünde wahrscheinlich die „Klassische Moderne“ im Vordergrund. Sie wäre sein Favorit. Funktionalität war die Leitlinie für die Architektur. Die ästhetische Wirkung kam durch das verwendete Material. Dieses Material zeichnete sich durch Solidität und herausragende Wertigkeit aus. Keine Dekoration als Selbstzweck. Mit dieser Vorstellung von seinem Haus, war Alfred Krupp seiner Zeit weit voraus.
Interessant ist auch, dass parallel zum Bau der Villa Hügel das Stammhaus auf dem Werksgelände restauriert wurde. Es war das frühere kleine Wohnhaus der Familie Krupp. Auf späteren Publikationen der Firma Krupp werden häufig beide Gebäude abgebildet. Ein Aufstieg von unten nach oben. Das Stammhaus sollte auf die bürgerliche Weltsicht Alfred Krupps verweisen. Er wollte sie seinen angestellten Mitarbeitern im Werk und ihren Familien vermitteln. Basis des wirtschaftlichen und sozialen Erfolgs im Leben sind individuelle Anstrengung und das Überwinden von Widerständen. Dazu gehört auch Durchhaltevermögen bei auftretenden Schwierigkeiten. Das Aufschieben von Bedürfnissen, Tüchtigkeit und Fleiß sind ebenfalls wichtig. Sparsamkeit sowie ein Streben vom Kleinen zum Großen sind notwendig. Und das alles soll im Dienst der Gemeinschaft stehen. Die ideologische Aussage ist, dass Reichtum und soziale Stellung die Frucht harter Arbeit sind. Sie kommen aus den entbehrungsvollen Anfangsjahren. Dies ist nicht das Produkt eines gesellschaftlichen Systems bzw. des Kapitalismus (zu dem Aspekt Stammhaus ausführlich, Quelle: Barbara Wollbring: Krupp und die Öffentlichkeitsarbeit, München 2000, S. 170-176).
Die Villa Hügel dürfen wir also nicht „einfach nur“ als das luxuriös, gigantomanische Wohnhaus der Familie Krupp betrachten. Vielmehr handelt es sich bei diesem außergewöhnlichen Gebäude um das Statement eines bürgerlichen Unternehmers im 19. Jahrhundert. Erst in dieser Betrachtungsweise wird das Haus – als Cultural Heritage – wirklich bedeutsam.
Das Video gibt einen schönen Einblick zur Villa Hügel


Kommentar verfassen