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Philosophie und Selbstreflexion in der populären Musik: „Dawn FM“ von THE WEEKND, Abel Tesfaye

 «Dawn FM» ist das neue, im Januar veröffentlichte, Konzept-Album von THE WEEKND (Abel Tesfaye). Wie schon im preisgekrönten Album „After Hours“ geht es in den Texten der Songs sehr anspruchsvoll um Lebensfragen und Lebenserfahrungen. Der Titel für das neue Album „Dawn FM“ ist natürlich nicht zufällig: Das Musik-Album, ein Radiosender mit dem THE WEEKND seine Botschaften unter das Volk bringen möchte. „Dawn FM“ ist eine unmittelbare Fortsetzung von „After Hours“.  In „After Hours“ ging es um zerstörerische Beziehungen zwischen Menschen. In „Dawn FM“ stehen vor allem Hedonismus und psycho-emotionale Fluchtbewegungen im Mittelpunkt. Eine Lebenseinstellung, die sich egoistisch überwiegend nur am momentanen sinnlichen Genuss orientiert und jeder Form von Belastung, Schmerz und Leid aus dem Weg gehen möchte, wird kritisch betrachtet. Die Suche des Menschen nach einem Übermaß an Lust – vielleicht auch um Schmerz und Leid besser ertragen zu können – ist in diesem Album ein zentrales Thema.

Musikalisch referiert THE WEEKND auf den Synthie-Pop und Disco-Sound der 8oer Jahre, jedoch in einer sehr gekonnten Art und Weise, eine Neuinterpretation und Weiterführung (aktuell ein vollkommener Gegensatz zu ABBA, die eine Wiederholung des Gleichen vorstellen). Einige Songs sind eindeutig als Tribut an Michael Jackson zu erkennen.  Vor allem der Gesang von Abel Tesfaye wurde in einschlägigen Musik-Fachzeitschriften gelobt. Das erstaunt zuerst, denn er ist kein Sänger mit großer Stimme. Sein Stimmvolumen ist – deutlich hörbar – begrenzt. Seine Leistung ist die spezielle musikalische Interpretationsfähigkeit und der überlegte Umgang mit den stimmlichen Möglichkeiten. Das macht „Dawn FM“ in Verbindung mit einem genialen Musik-Arrangement zu einem musikalischen Ereignis. Für dieses Jahr, sind mit Sicherheit einige Hits aus dem Album zu erwarten.

Als Singles wurden bisher die Songs „Gasoline“ und „Sacrifice“ veröffentlicht mit den dazugehörigen aufwändig, kunstvoll inszenierten Videos. „Sacrifice“ (Aufopferung) scheint Abel Tesfaye und seinem Produktionsteam besonders wichtig zu sein, denn zu diesem Song erschienen gleich drei Videos, die jeweils unterschiedliche Aspekte des Songs beleuchten. Im ersten Video wird die Geschichte des Songs erzählt. Im zweiten Video geht es um den Lied-Text. The WEEKND zeigt sich hier als alter Mann, der jungen tanzenden Menschen etwas erläutern möchte. Im dritten Video geht es um eine alternative Welt, die dem einzelnen Menschen mehr individuelle Entfaltung ermöglicht. Wir sehen viele junge Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind, offenbar an einem kleinen Wettbewerb teilnehmen und dabei Unterstützung in einer Gemeinschaft erfahren. Die individuelle Performance wird belohnt.

Im Song „Sacrifice“ heißt es sinngemäß: Ich kann mich nicht für deine Liebe opfern. Es kann nicht richtig sein, dass ich mich aufgebe, um von dir angenommen zu werden. Meine Lebensgeschichte kann ich nicht vergessen. Ich werde sie immer in mir tragen. Totale Aufopferung ist nicht der richtige Weg. Ich bin ganz bei mir, ganz in meiner Zeit. Daraus gewinne ich Stärke und kann dir so einen Halt an deiner Seite bieten. Aufopferung als Selbstaufgabe ist ein Ausgesaugt werden, ein Verlust der Identität. Diese Selbstaufopferung legt das Ich in Ketten. Ein Vorgang der Ausbeutung. Die eigentliche Lebensaufgabe lautet hingegen, das eigene Schicksal zu entdecken, dazu zu stehen und diesem Weg zu folgen. Das ist das wahre Opfer.

Dass es hier auch um Religion geht, macht The Weeknd deutlich, indem er in der zweiten Version von „Sacrifice“ das Kreuzzeichen macht. Im ersten Video gerät The Weeknd in die Fänge einer religiösen Sekte. Manche Sekten verlangen von ihren Anhängern eine totale, unkritische Anpassung und Selbstaufgabe. Manche Geschichten aus der christlichen Religion erwecken ebenfalls diesen Eindruck. Man denke an manche Hagiographien, die Lebensbeschreibungen von Heiligen. In der Sichtweise von The Weeknd ist diese Form von Selbstaufopferung wie eine Rüstung, die Halt verspricht, jedoch die Seele des Menschen zu verbrennen droht. Im Video zieht der Protagonist den Metallschutz von den Armen und sieht die verbrannte Haut. Er schaut einer Priesterin der Sekte ins Gesicht und erkennt die Zerstörung. Sie regeneriert sich aus der Kraft der Sektenmitglieder.

Mir fällt hier eine Parallele zu der Passionsgeschichte Jesu ein. Die Passion Jesu als ein Opfer für andere, eine Liebestat. Ist dieses Opfer als eine vollkommene Selbstaufgabe zu verstehen? Oft wird es so dargestellt. In der Eucharistie eine Selbstaufgabe, die anderen Menschen das Leben schenkt und eine immer wiederkehrende Beziehung zu Gott ermöglicht. Muss ich mich – diesem Beispiel folgend – selbst aufgeben, um von Gott angenommen zu werden? Ist Selbstaufgabe nötig, um gottgefällig zu sein? Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass nicht wenige Menschen mit dieser Opferhaltung ihre Schwierigkeiten haben (meist sind es Männer). Doch die Passion ist keine Willensbrechung, keine verzweifelte Auflösung der Personalität um ein höheres Ziel willen. Das Lebensende Jesu ist in Wahrheit der Schlusspunkt einer Selbstfindung. Jesus erkennt seinen einzigartigen Weg und sein Schicksal, dass er bereit ist – mit großen Ängsten – anzunehmen. Und dieser Weg führt eben nicht in den Tod, sondern in eine Erneuerung des Lebens. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis, das Erkennen und die Akzeptanz der speziellen Individualität und die Bereitschaft diesem Weg zu folgen. Eine Entscheidung, die jeder Mensch in Freiheit treffen sollte. In Matthäus 16, 21-22 kündigt Jesus seinen Tod an. Petrus will ihn von diesem Schicksalsweg abbringen: „Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. (Mt 16,22-23)

Die drei Video-Versionen von „Sacrifice“

Das Musik-Video beginnt mit der Abschlussszene aus dem zuletzt veröffentlichten Video zu dem Song „Take my Breath“. Damit wird deutlich, dass die beiden Alben „After Hours“ und „Dawn FM“ in einem Zusammenhang zu sehen sind. Quasi die Fortschreibung einer Erzählung.

Das Lyrik-Video, indem The Weeknd das Kreuzzeichen macht
Das Video mit der Vision von einer alternativen Welt, die dem Menschen die Freiheit zur Entwicklung von Individualität ermöglicht.

In dem Song „Gasoline„ geht es um Sucht, Drogensucht als Ausdruck einer Flucht. Im Video kämpft The Weeknd mit sich selbst, um einer hedonistischen Illusion willen, die aber immer wieder zusammenbricht. Der schreckliche Alptraum eines Deliriums. Die einzige Hilfe und ein Weg der Bewusstwerdung der psychosozialen Katastrophe: Ein beständiges personales Gegenüber, dass immer wieder einen totalen Absturz verhindert und in dieser Zuverlässigkeit und Beharrlichkeit dem Süchtigen wie in einem Spiegel sein Selbst vorhält (Gasoline, in diesem Sinn eine Tankstelle für Lebenskraft durch Stärke und eine selbstlose, unbedingte Liebe, die jedoch auch stets ganz bei sich ist). Wir hören The Weeknd mit einem Sprechgesang, ganz ungewöhnlich, aber sehr eindringlich.

Rolf-Michael Hilkenbach / Februar 2022

Quelle des Beitragsbildes: Chris Saraiva / Universal Music


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