Haute Couture, die gehobene Schneiderei, ist die absolute Königsdisziplin der Bekleidungsindustrie. Eigentlich darf man hier den Begriff Industrie gar nicht verwenden, denn es ist immer noch reines, exklusives Handwerk. Für die Mode- und Bekleidungsindustrie spielt Haute Couture nach wie vor eine wichtige Rolle, weil sie immer noch spektakulär die Aufmerksamkeit auf das Thema Mode und ihre Hersteller lenkt. Haute Couture, ist für einige Modehäuser bzw. spezielle Modemarken trotz rückläufiger Verkaufszahlen, immer noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie dient heute allerdings vornehmlich der Imagepflege. Haute Couture ist hochpreisige Mode für einen sehr übersichtlichen Ausschnitt der internationalen Upperclass. „Normal Sterbliche“ können sich solche Bekleidungsstücke meist nicht leisten. Ein Kleid kann schon mal bis zu 100.000 Euro kosten. Ein Anzug oder eine Kombination für Männer ebenfalls ca. ab 30.000 Euro aufwärts.
Anders als der französische Begriff vermuten lässt, wird die gehobene Schneiderkunst nicht nur in Frankreich gepflegt. Italien („Alta Moda“, hohe Mode) und Großbritannien („fine tailoring“, gehobene Herren-Maßschneiderei) sind ebenfalls klassische Zentren für diese Bekleidungskategorie.
In Frankreich ist der Begriff „Haute Couture“ gesetzlich geschützt und darf nicht einfach von jedem Modehaus bzw. jedem Bekleidungshersteller verwendet werden. Für die Haute Couture gibt es ganz bestimmte, klar definierte Herstellungsregeln. Es sind immer Einzelanfertigungen, Unikate. Es wird stets für einzelne Kundinnen und Kunden auf Maß gearbeitet. Für die Herstellung werden ausschließlich hochwertige Stoffe und Materialien verwendet.
Alles ist Handarbeit von hochspezialisierten Handwerkerinnen und Handwerkern. Auch wenn man diese Art von Bekleidung nicht unbedingt mag oder sie sozial für zu snobistisch und elitär halt, kann man jedoch feststellen, dass es sich um eine Handwerkskultur auf sehr hohem Niveau handelt, die es nicht mehr gäbe, wenn es nicht doch immer wieder Menschen geben würde, die bereit sind, viel Geld für diese handgefertigte Bekleidung auszugeben. Die Designer der Haute Couture sind sicherlich sehr wichtig und stehen stets im Vordergrund der Präsentationen, aber die eigentlichen Künstlerinnen und Künstler im Hintergrund sind die Schneiderinnen, Näherinnen und Stickerinnen, Schuhmacher, Stoffweber usw. Von diesen Menschen hört man kaum etwas. Aber ohne ihre Handwerkskunst wäre Haute Couture nicht möglich. Haute Couture erhält, ohne Zweifel, eine spezielle Kulturleistung.
Ohne Haute Couture würde es einige Berufe in der Herstellung von Bekleidung nicht mehr geben. Die mit diesen Berufen verbundenen Fähigkeiten würden, ohne diese spezielle Spielart der Mode und Bekleidung, aussterben.
Menschen, die Haute Couture tragen, wollen in erster Linie mit Kleidung repräsentieren und selbstbewusst ihren sozialen Status zeigen. Auch wenn diese Art der Bekleidung in einer Casual-Variante erscheint, ist stets das Besondere zu erkennen. Eine Kleidung, die durch Exklusivität und Extravaganz Menschen besondert, unterscheidet, hervorhebt, aus dem Alltäglichen herausnimmt. Haute Couture ist alles andere als demokratisch. Ihre historischen Wurzeln liegen bei der höfischen Kleidung des Adels. Erfinder dieser Bekleidungskategorie ist der englische Modedesigner Charles Frederick Worth. Im Jahr 1858 eröffnete er in Paris das erste Modehaus für luxuriöse Damenmode mit jährlich wechselnden Kollektionen, die von Models vorgeführt wurden. Das war damals ganz neu. Eine seiner prominentesten Kundinnen war die Kaiserin Elisabeth von Österreich. Das Kleid, das sie auf dem berühmten Porträt-Gemälde von Franz Xaver Winterhalter trägt, ist eine Kreation von Worth.
Und nun folgen zwei Videos, die sehr anchaulich Haute Couture darstellen.
Im ersten Video wird die Haute Couture Kollektion Frühjahr/Sommer 2019 von Chanel gezeigt. Es war eine der letzten Kollektionen, für die Karl Lagerfeld vor seinem Tod verantwortlich war. An der Präsentation im Januar 2019 konnte er schon nicht mehr persönlich teilnehmen. Die Art der Präsentation dieser Kollektion weist darauf hin, an welche Zielgruppe sich diese Mode richtet.
Und wie schon angemerkt: Es gibt auch Haute Couture für Männer. Prädestiniert dafür ist das italienische Modehaus Dolce & Gabbana. Diese Männermode bewegt sich weit ab vom klassischen Anzug. Im zweiten Video wird auch hier die Kollektion Frühjahr/Sommer 2019 gezeigt. Einige Male-Models bei dieser Show tragen bewusst, mit viel Ironie, eine Krone. Es ist Prinzenmode!
Haute Couture bewegt sich immer abweichend vom Mainstream des Alltäglichen. Und gerade durch diesen Willen zum moderaten Unangepassten, kann sie in Teilaspekten durchaus innovativ wirken. Deshalb ist die Haute Couture bis heute ein Orientierungsmaßstab für die internationale Modebranche. Haute Couture ist gerade in unserer Gegenwart gesellschaftlich stets provokant, ein Widerspruch zum Einerlei, ein Widerspruch zum Üblichen, ein Widerspruch zur Standardisierung mit einem starken Willen die Individualität des Menschen mit viel Glanz und Kostbarkeit zu veredeln. Haute Couture ist ein Ausdruck von Lebensfreude.
Chanel- Haute Couture Frühjahr/Sommer 2019
Dolce & Gabbana Frühjahr/Sommer 2019 – Haute Couture Männermode

Rolf-Michael Hilkenbach / April 2019

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