Eine fiktive Szenerie:
Deutsch-Ostafrika, Spätsommer 1917.
Die Sonne brannte gnadenlos auf die Savanne herab, als Paul von Lettow-Vorbeck auf einem kleinen Hügel stand, den Blick über das goldene Grasland schweifend. Neben ihm hockte ein askarischer Späher (Afrikanischer Soldat), das Ohr am Boden, lauschend auf entfernte Bewegungen. In der Ferne zogen dunkle Wolken auf – nicht nur Wetter, sondern auch Krieg.
„Sie kommen“, sagte der Späher leise.
Lettow-Vorbeck nickte, sein Gesicht gezeichnet vom scharfen Wind der afrikanischen Savanne, von Verantwortung und vielen durchwachten Nächten. Die britischen Truppen waren wieder auf dem Vormarsch, doch er hatte einen Plan. Mit weniger als 3.000 Mann, darunter treue Askari und einige deutsche Offiziere, wollte er erneut entkommen – nicht aus Feigheit, sondern aus Strategie. Jeder Schritt war ein Tanz mit der Zeit, jeder Rückzug ein taktischer Sieg.
„Wir ziehen uns zurück in den Wald“, sagte er ruhig. „Und wenn sie glauben, uns zu haben, schlagen wir zu.“
Ein Löwe brüllte in der Ferne. Lettow-Vorbeck lächelte. „Der Busch ist unser Verbündeter. Und wie der Löwe jagen wir nicht aus Zorn, sondern aus Notwendigkeit.“
Die Truppe setzte sich in Bewegung. Die Nacht würde sie verschlucken, wie so oft. Und wenn der Feind glaubte, sie verloren zu haben, würden sie wieder auftauchen – wie der Schatten eines Löwen, lautlos und tödlich. Der Krieg war noch lange nicht vorbei – und solange er lebte, würde Afrika seine Bühne bleiben.
Er dachte an Berlin, an die Offiziere, die ihn einst belächelt hatten. Sie hatten geglaubt, Afrika sei ein Nebenschauplatz im großen Krieg. Doch hier, in der Wildnis, schrieb er Geschichte – mit Mut, List und der Loyalität seiner Männer.

Paul von Lettow-Vorbeck , der „Löwe von Afrika“
Geboren am 20. März 1870 in Saarlouis, gestorben am 9. März 1964 in Hamburg, war ein deutscher Offizier und General der Infanterie. Paul von Lettow-Vorbeck war während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) Kommandeur der Deutschen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. In diesem Zusammenhang führte er einen langwierigen Guerillakrieg gegen die alliierten Truppen und blieb bis zum Kriegsende unbesiegt.
Nach dem Krieg widmete sich Lettow-Vorbeck politischen Aktivitäten. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahr 1920 engagierte er sich politisch für eine Rückgewinnung der deutschen Kolonien in Afrika. Die Machergreifung von Adolf Hitler in den 1930er Jahren begrüßte er, aber sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten – die seine Popularität gerne für sich nutzen wollten – blieb sehr distanziert. Joseph Goebbels bezeichnet in seinem Tagebuch Lettow-Vorbeck als einen Reaktionär: „Lettow-Vorbeck stänkert gegen den Staat und gegen die Partei. Ich lasse ihm das öffentliche Reden verbieten“ (Eintrag vom 21. Januar 1938).
Unter dem Befehl des militärischen Anführers Walther von Lüttwitz war Paul von Lettow-Vorbeck im März 1920 am Kapp-Putsch beteiligt. Im Oktober 1920 wurde gegen ihn eine Untersuchung eingeleitet. Er wurde aus der Reichswehr entlassen, unter Beibehaltung seiner Pensionsansprüche und dem „ehrenden“ Recht seine Uniform tragen zu dürfen. Ab 1923 war er in Bremen als Großhandelskaufmann tätig.
Paul von Lettow-Vorbeck wurde am 4. November 1916 mit dem preußischen Militärorden „Pour le Merite“ (mit Eichenlaub) ausgezeichnet, da er als Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Ostafrika außergewöhnliche militärische Leistungen zeigte. Am 30. Januar 1920 wurde ihm das Ritterkreuz des sächsischen Militär-St. Heinrich-Ordens für seine Verdienste im Ersten Weltkrieg verliehen.
Vor allem nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war der „Löwe von Afrika“ in der deutschen Bevölkerung sehr populär. Seine Bücher, die er nach dem Krieg veröffentlichte, fanden eine große Leserschaft (einige seiner Bücher werden auch gegenwärtig immer noch neu aufgelegt). Seine Popularität hielt bis zu seinem Tode an. Bei seiner Beerdigung 1964 wurden mit Unterstützung der Bundeswehr zwei Askaris – afrikanische Mitglieder der ehemaligen Deutschen Schutztruppe – eingeflogen, damit sie „ihrem“ General die letzte Ehre erweisen konnten. Askaris waren afrikanische Soldaten, die im Dienst der deutschen Kolonialtruppe standen. Die deutsche Schutztruppe war die militärische Einheit des Deutschen Kaiserreichs in den Kolonien. Offiziere der Bundeswehr hielten die Totenwache. Der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel betonte in seiner Trauerrede, dass Paul von Lettow-Vorbeck „im Felde wahrlich unbesiegt geblieben sei“ und als Vorbild gelten könnte (siehe hierzu den Link zum historischen Videoarchiv des NDR).
Viele Straßen, Plätze und einige Kasernen der Bundeswehr wurden nach Lettow-Vorbeck benannt. Er wurde Ehrenbürger der Stadt Saarlouis.
Auch „The Times“ veröffentlichte am 14. März 1964 einen Nachruf: „Paul von Lettow-Vorbeck, der am Montag im Alter von 93 Jahren starb, gewann verdientermaßen ein hohes Ansehen als Befehlshaber in Ostafrika während des Ersten Weltkrieges. Seine Landsleute sahen in ihm einen ihrer größten Nationalhelden, und bei seinen Gegnern, sowohl Briten wie Buren, galt er als geschickter, großherziger und ritterlicher Soldat.“ Die internationale Presse, wie hier die „Times“, spiegelte damit das Bild wider, das Lettow-Vorbeck zu Lebzeiten in Europa hatte.
Seit der Jahrtausendwende gibt es eine zunehmend historisch-kritische Bewertung der deutschen Kolonialgeschichte und in dem Zusammenhang auch eine kritische-kontroverse Auseinandersetzung mit der Person Lettow-Vorbeck als militärischer Vorgesetzter und Stratege in Afrika. Seine Kriegsführung war alles andere als idealisierend „ehrenhaft, ritterlich“, eher hart, unerbittlich und kompromisslos. Generell waren die Kampfhandlungen der Europäer auf afrikanischem Boden nicht weniger aggressiv und zerstörerisch als an anderen Fronten des Ersten Weltkrieges (für eine sehr kritische Sicht auf Lettow-Vorbeck siehe: Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit, 2006, sowie auch Eckard Michels: „Der Held von Deutsch-Ostafrika“: Paul von Lettow-Vorbeck: Ein preußischer Kolonialoffizier, 2008).
Die Deutsche Schutztruppe in Ostafrika unterstand ursprünglich der Kaiserlichen Marine und später dem Reichskolonialamt, sie bestand überwiegend aus afrikanischen Soldaten (meistens aus dem Stamm der Zulus: Askaris), die von deutschen Offizieren geführt wurden.
In der Schlacht von Tanga 1914 gelang Lettow-Vorbeck ein großer Sieg über die zahlenmäßig weit überlegenen britisch-indischen Truppen (ca. 8000 Soldaten), die in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) einen Landungsversuch unternommen hatten. Ende 1916 nach einer Großoffensive der Briten (von Kenia aus) und Belgier (vom Kongo aus), musste sich die Schutztruppe in den Süden der Kolonie zurückziehen. In dieser Situation entwickelte Paul von Lettow-Vorbeck eine ausgeklügelte Guerilla-Taktik, die sich vor allem durch Schnelligkeit und enorme Marchleistungen auszeichnete.
Lettow-Vorbeck hatte gezielt Briten, Südafrikaner und Portugiesen herausgefordert. Sein militärisches Ziel war unter anderem Truppen und Ressourcen der Entente in Afrika zu binden, um dadurch die Front in Europa zu entlasten. Das gelang ihm auch weitgehend. Die Deutsche Schutztruppe konnte nie zu einer entscheidenden Schlacht gestellt werden und blieb so bis zum Ende des Krieges unbesiegt.
Obwohl seine Truppen zahlenmäßig und materiell den gegnerischen Streitkräften deutlich unterlegen waren, kämpfte Lettow-Vorbeck isoliert und weit entfernt vom Mutterland weiter. Auf das Gebiet der portugiesischen Kolonie zurückgedrängt gelang ihm Mitte 1918 ein Rückmarsch nach Deutsch-Ostafrika. Als einziger deutscher Kommandeur konnte er in britisches Gebiet eindringen (Rhodesien).
Als der Krieg in Europa längst beendet war kämpfte Lettow-Vorbeck in Ostafrika immer noch, da ihn die Information über die Kapitulation des Deutschen Kaisereichs nicht erreicht hatte. Erst am 25. November 1918 wurde in Afrika offiziell der Waffenstillstand beschlossen. Als er im März 1919 mit 143 überlebenden deutschen Soldaten nach Berlin zurückkehrte, wurde ihm ein triumphaler Empfang bereitet. Tausende von Menschen versammelten sich auf den Straßen und jubelten ihm zu.
1926 konnte Paul von Lettow-Vorbeck politisch durchsetzen, dass die Askaris den seit 1917 ausstehenden Sold erhielten und später als ehemalige deutsche Soldaten eine Rente beziehen konnten, die auch noch von der Bundesrepublik Deutschland gezahlt wurde. Diese Anerkennung war für viele Askaris ein bedeutender Schritt zur späten Würdigung ihres Dienstes und trug zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit bei.
Rolf-Michael Hilkenbach / Oktober 2014 / Überarbeitet und ergänzt Oktober 2025

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