Harmonie, Konflikt, Moral und die Sache mit der Nächstenliebe
„Weihnachten ist die große Zeit des Zuviel“ – J.H.L. Hunt
Es ist schon merkwürdig! Weihnachten ein Fest, das sich zwischen Konflikt und Harmonie bewegt. Ein faszinierendes Fest, das wie kaum ein anderes zwischen gegensätzlichen Polen schwankt: Sehnsucht nach Harmonie und Stille prallen auf Stress und Konflikte, gesellschaftliche Erwartungen kollidieren mit individuellen Bedürfnissen. In kaum einer anderen Zeit manifestieren sich so viele Wünsche, Projektionen und Widersprüche.
Mit Beginn der Adventszeit wächst in vielen Menschen das Bedürfnis nach Frieden, Geborgenheit und Gemeinschaft. Die Gesellschaft vermittelt ein Bild von Weihnachten als Zeit der Besinnung, Versöhnung und inneren Einkehr. Werbung, Medien und Traditionen verstärken die Erwartung an ein perfektes Fest: festlich gedeckte Tische, liebevoll ausgewählte Geschenke und harmonisches Beisammensein in der Familie. Doch die Realität sieht oft anders aus. Die To-do-Listen werden länger, der Termindruck wächst, und das Ideal von Harmonie und Ruhe scheint für viele unerreichbar. Hektik macht sich breit. Der Druck Erwartungen zu erfüllen, steigt und mündet am Heiligabend oft in Stress statt Freude. Für viele wird das Fest zu einer anstrengenden Inszenierung, bei der nicht selten Überforderung und Erschöpfung dominieren.
Gerade in der Weihnachtszeit treten Konflikte besonders deutlich zutage. Die enge Zusammenkunft von Familie kann alte Verletzungen und Spannungen an die Oberfläche bringen. Statt Harmonie herrschen nicht selten Streit und Unruhe, die im Extremfall sogar zu Polizeieinsätzen führen. Manou Gardner, eine erfolgreiche YouTuberin, berichtete in einem Beitrag von einem Weihnachtsfest im Familienkreis, wo sie sich so sehr mit den Verwandten ihres Ehemannes gestritten hatte, das danach für fünf Jahre soziale Funkstille herrschte. So entsteht eine Diskrepanz zwischen dem, was Weihnachten sein sollte, und dem, was es für viele Menschen tatsächlich ist – ein Balanceakt zwischen Wunsch, Vorstellung und Wirklichkeit. In dieser Zeit wird auch das Alleinsein besonders sichtbar und als Makel oder Problem stilisiert – kaum ein anderes Fest betont so sehr den Zwang zur Gemeinschaft und blendet individuelle Bedürfnisse aus.
Ich höre im Radio euphorischen Jubel über das Ergebnis der `WDR2 Weihnachtswunder` Spendenaktion. 15.644.256 Euro wurden gesammelt. Ein Rekordergebnis. Die WDR-Intendantin Dr. Katrin Vernau: „Es ist unglaublich berührend und schön zu sehen, wozu die Menschen im Westen (Nordrhein-Westfalen) fähig sind. (…) Das ,WDR 2 Weihnachtswunder‘ hat in Essen und weit darüber hinaus gezeigt, wieviel Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft steckt.“
Ja, das ist ohne Zweifel zuerst einmal sehr erfreulich! Doch was steckt hinter diesem plötzlichen Engagement?
Ein Phänomen zu Weihnachten ist die gesteigerte Spendenbereitschaft und die Betonung von Nächstenliebe. Es werden Millionenbeträge für wohltätige Zwecke gesammelt und zahlreiche soziale Projekte unterstützt. Der kanadische Philosoph Marshall McLuhan formulierte distanziert provokant: „Moralische Empörung ist die Strategie von Idioten, sich selbst Würde zu verleihen“.
Diese Aussage lässt mich Fragen, ob Spenden tatsächlich dem Willen zur Beseitigung sozialer Missstände dienen oder vielmehr der eigenen Entlastung und dem guten Gewissen. Wird hier vielleicht Nächstenliebe instrumentalisiert, um persönliche Schuldgefühle zu kompensieren oder sich gesellschaftlich zu legitimieren? In der Tat ist zu beobachten, dass Spendenbereitschaft häufig saisonal auftritt und strukturelle Probleme nicht dauerhaft löst. Sie kann punktuell helfen, aber selten nachhaltige Veränderungen bewirken. Nicht selten bleibt das Engagement oberflächlich: Ein gespendeter Betrag, ein kurzes Gefühl von Wohltätigkeit – und danach kehrt man zum Alltag zurück. So bleibt die Frage, ob Spendenaktionen an Weihnachten wirklich gesellschaftliche Probleme beseitigen oder nicht vielmehr als Alibi dienen, um sich kurzzeitig moralisch zu entlasten.
Hat dies alles etwas mit der Weihnachtsgeschichte zu tun, so wie sie uns in der „Heiligen Schrift“ überliefert wird? Ich denke: Ja! Harmonisch geht es in dieser Erzählung nicht unbedingt zu. Wir hören von widerstreitenden Gefühlen, von viel Zweifel, von Verfolgung und Mord. Wir hören aber auch von Zusammenhalt, Solidarität und von dem Vertrauen auf Gott!
Und worum sollte es denn nun eigentlich gehen:
„Die Botschaft von Weihnachten: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass wie das Licht die Finsternis“, schreibt Martin Luther King und Theodor Storm ergänzt: „Jeder Tag in unserem Leben sollte ein Weihnachtstag sein, wo wir Frieden und Freude empfangen und austeilen.“
Ich glaube das uns Weihnachten in seiner Größe und seinem Glanz immer wieder neu dran erinnern soll.
Und noch ein Zitat: „Weihnachten ist die große Zeit des Zuviel“, formuliert der englische Dichter und Essayist James Henry Leigh Hunt. Für mich trifft dieses Zitat den Kern des Problems. Es geht darum das Übermaß hinter uns zu lassen – in jeder Hinsicht – und uns dem Gefühl von Verbundenheit und innerem Frieden zu nähern. Wir sollten uns vom „Zuviel“ der äußeren Erwartungen lösen und uns auf das Wesentliche besinnen.
In diesem Sinn wünsche ich Euch
ein frohes Weihnachtsfest
und ein gesegnetes neues Jahr
Rolf-Michael Hilkenbach / Dezember, 4. Advent 2025

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